M&R-PlusSkandinavien – Von Riesen und Trollen

Skandinavien steht auf der Liste der Reiseziele für viele Mitteleuropäer ganz oben. Sei es mit dem Auto, dem Wohnmobil, einem Kreuzfahrtschiff oder auch mit dem Motorrad.
Jost G. Martin
Sabine und Jost G. Martin
Bei vielen Motorradfahrern ist das Nordkap das ultimative Reiseziel, beschränkt auf „einmal Nordkap und zurück“. Die nachfolgend beschriebene Skandinavienreise hat ein anderes Ziel, nämlich eine Mischung aus Sehen und Fahren. Kommt einfach mit und setzt euch gedanklich auf unsere freien Soziussitze.
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„On the road again“
„On the road again“
„Es muss nicht immer Kaviar sein“, lautet der Titel eines bekannten Romans von Johannes Mario Simmel. Dieser hat auch irgendwie etwas mit unserer Tour durch drei Länder Skandinaviens zu tun, denn wir wollen heraus aus unserer Komfortzone, also verzichten wir auf Wohnmobil und Hotelunterkünfte. Aber der Reihe nach. Vor jeder Reise braucht es drei Dinge: erstens die Idee, zweitens die Planung und drittens die Vorbereitung. Die Idee für eine Nordlandreise entstand schon vor über zehn Jahren, Schweden und Norwegen sollten es sein. Genauer gesagt durch Schweden Richtung Norden, dann rüber nach Norwegen und wieder zurück nach Berlin. Und alles nur mit unseren beiden KTM 790 Adventure. Die Planung war dann ein wenig aufwändiger. Welche Route soll es sein? Wie lang dürfen die Tagesetappen werden? Wir wollen auch was sehen und nicht nur Kilometer zählen! Welche Fähre nimmt man über die Ostsee? Wie und wo übernachtet wir? Was nimmt man an Gepäck mit? Irgendwann haben wir dann die für uns richtigen Antworten gefunden: Die Fähre von Rostock nach Trelleborg scheint uns die günstigste Verbindung zu sein, also versuchen wir, schnell zu buchen. Da die Überfahrt am Pfingstmontag erfolgen solte, sind die Kabinen natürlich schon alle ausgebucht. Na gut, ein Schlafsessel wird es wohl auch tun. Übernachten wollen wir auf Campingplätzen, wenn möglich auch in Hütten. Für den Fall der Fälle haben wir ja noch das MotoTent von Lone Rider dabei. Dieses ist gerade einmal fünf Kilogramm schwer. Ein Tapeziertisch in unserer Garage dient dazu, alles zu sammeln, was mit auf die Reise soll, um dann gleich auszusortieren, was wir nicht wirklich brauchen. Und siehe da, alles passt in unsere beiden Koffersätze von SW-Motech, einschließlich meiner Kameraausrüstung. Schlafsäcke und aufblasbare Isomatten finden ihren Platz in einer wasserdichten Packtasche. Die Reise ins Land der Riesen und Trolle, in die Heimat der Wikinger kann also losgehen.

Tag 1 Berlin–Rostock

Die Fähre nach Trelleborg
Die Fähre nach Trelleborg
Pfingstmontag, der Tag des Reisebeginns, ist gekommen. Das Gepäck noch einmal kontrolliert, die Koffer an den Motorrädern angebracht, Zelt und Packtasche mit Rokstraps verzurrt, es kann losgehen. Ladies and Gentlemen: Start your engines. Über die Stadtautobahn geht die Fahrt vom Südostende Berlins in den Nordwesten der Stadt. Auf dem weiteren Weg nach Norden ändern sich die Verkehrslage und die Zahl der Autos und Wohnmobile, die uns entgegenkommt, wird immer größer. Klar, das Pfingstwochenende neigt sich dem Ende zu und die Urlauber fahren in langen Kolonnen wieder nach Hause. In Fürstenberg gönnen wir uns eine längere Pause, da wir bis zur Abfahrt der Fähre noch Zeit haben. Über Neustrelitz, Waren, Teterow und Laage cruisen wir in lockerem Tempo, um uns auch ein bisschen an das höhere und weiter oben befindliche Gewicht zu gewöhnen, bis hoch an die Ostsee. Ein Abstecher an die Hohe Düne Warnemünde beschert uns noch einen herrlich anzuschauenden Regenbogen über dem Wasser. In der Warteschlange am Fährterminal bleibt dann noch Zeit für interessante Gespräche mit anderen Reisenden, wie zum Beispiel mit einem jungen Paar über ihren selbst ausgebauten Caddy oder mit dem ehrenamtlichen Betreuer einer Jugendgruppe. Das Einfahren und Festmachen der Motorräder auf der Fähre verlaufen problemlos. An Bord ist in dem mit fünfzig Schlafsesseln bestückten Raum an Schlaf nicht zu denken.

Tag 2 Trelleborg–Kristianstad

Hütte in Kristianstad, klein, aber ausreichend
Hütte in Kristianstad, klein, aber ausreichend
Am nächsten Morgen rollen wir dann nach einem spärlichen Frühstück übermüdet von der Fähre und nehmen unsere erste Etappe auf schwedischem Boden unter die Räder. Es ist nebelig, also schlechte Sicht. Auf der Reichsstraße 9 rollen wir parallel zur Küstenlinie Richtung Ystad. Der Geruch des Ostseewassers begleitet uns. Am Hörte Hamn, einem kleinen Hafen, machen wir eine kurze Rast. Wieder treffen wir auf ein junges Pärchen mit einem selbst ausgebauten Caddy und nutzen die Gelegenheit zu einem kurzen Plausch. Die Sicht wird besser und wir können endlich die schöne Küstenlandschaft genießen. In Ystad werfen wir einen Blick auf die Hafenanlagen, ehe wir die Reichsstraße 9 verlassen und weiter Richtung Nordosten fahren. Bei Baskemölla erreichen wir wieder die Ostseeküste. Hier gibt es zwar einen Natur-Campingplatz, aber der scheint mehr oder weniger verlassen zu sein. Also geht es weiter, wieder auf die „9“. Die schlaflose Nacht auf der Fähre fordert jetzt ihren Tribut. Bei Kristianstad werfen wir das Handtuch. Runter von der „9“ und Quartier suchen. Bei einem Wanderheim ist eine einfache Hütte mit zwei Betten frei. Drei Stunden Schlaf, eine Dusche, heißer Kaffee und eine warme Mahlzeit, die wir in der Küche des Wanderheims zubereiten können, bringen die Welt wieder in Ordnung.

Tag 3 Kristianstad–Eriksöre/Öland

Die Ölandbrücke
Die Ölandbrücke
Nach einem Müsli-Frühstück – das sollte auf unserer Reise jeden Morgen obligatorisch sein – und dem Verstauen der Schlafsäcke und von allem weiteren an Ausrüstung fahren wir los. Wir bleiben zunächst auf der
E 22, passieren Karlshamn, ehe wir dann vor Karlskrona die Schnellstraße verlassen und endlich auf wenig befahrenen Landstraßen durch Wälder und Felder Richtung Nordosten rollen. In gemütlichem Tempo – schließlich hetzt uns kein Terminplan – genießen wir die Landschaft, ehe wir uns bei Kalmar zwangsläufig wieder ins Verkehrsgetümmel stürzen müssen. Unser Tagesziel liegt auf Öland, der bei den Schweden äußerst beliebten Ferieninsel. Um dorthin zu gelangen, nutzen wir die Brücke über den Kalmarsund. Die Ölandbrücke ist über sechs Kilometer lang und besteht aus drei Abschnitten. Der niedrige westliche Teil ist nur knapp 800 Meter lang, die daran anschließende Hochbrücke – immerhin fast 42 Meter über dem Meeresspiegel, damit der Schiffsverkehr durch den Kalmarsund möglich bleibt – misst 910 Meter. Danach geht es wieder eine Etage tiefer weiter. Bei unserer Überfahrt weht eine steife Brise, die für ein bisschen Spannung sorgt, denn einzelne Windböen sind so heftig, dass wir das Tempo deutlich reduzieren müssen. Heil auf der Insel angekommen, fahren wir zum Eriksöre Camping, wo wir eine der zahlreichen Hütten beziehen. Wir haben nicht vorab reserviert, aber da in Schweden noch keine Ferienzeit ist, wird das nicht zum Problem.

Tage 4 & 5 Insel Öland

Begegnungen auf Öland
Begegnungen auf Öland
Für den nächsten Tag haben wir uns eine Tour in den Süden der Insel vorgenommen, um zu erkunden, was Öland für Touristen zu bieten hat. Gepäck und eines der Bikes lassen wir an unserer Hütte zurück. Unser erstes Ziel ist der Lange Jan, ein Leuchtturm auf dem Südkap der Insel. Mit seinen fast 42 Metern ist er immerhin der höchste Leuchtturm Skandinaviens. Er entstand um 1785 und wurde aus dem Bauschutt der abgerissenen Sankt-Johannes-Kapelle errichtet, an deren ursprünglichem Platz wir auf der Fahrt vorbeigekommen sind. Das mehrfach modernisierte Leuchtfeuer wird mittlerweile ferngesteuert. In den umliegenden Gebäuden ist unter anderem auch die zum Naturreservat Ottenby Lund gehörende Vogelwarte untergebracht. Wir verlassen das Naturreservat wieder und fahren auf der „Seeseite“ nordwärts. Schon nach ein paar Kilometern taucht die nächste Sehenswürdigkeit auf, die Burg Eketorp. Auf den Fundamenten einer älteren Anlage hat man hier eine Wallburg wiederaufgebaut. Weil diese Anlage so beeindruckend ist, haben wir uns bei der Besichtigung viel Zeit genommen. Ein paar Kilometer weiter soll es die Überreste noch so einer Wallburg geben. Wir schauen uns aber lieber den kleinen Fischerhafen Gräsgards an. Den nächsten Tag widmen wir dem Norden der Insel. Auf dem Weg dorthin treffen wir auf eine große Gruppe von nicht mehr ganz so jungen Harley-Fahrern, die unterwegs zu einem jährlichen Treffen sind. Entlang der Straße stehen immer wieder kleine Windmühlen, die in früheren Zeiten ein Statussymbol für die von der Landwirtschaft geprägte Inselbevölkerung darstellten. Über 2.000 sollen es mal gewesen sein. Bis zur Nordspitze der Insel sind es noch einige Kilometer, aber wir wollen uns unbedingt noch den zweiten Leuchtturm, den Langen Erik, ansehen, der auf einer kleinen Insel steht. Aber wer einen Leuchtturm gesehen hat, der hat ... na ja, man muss einfach mal da gewesen sein. Auf dem Rückweg zum Campingplatz machen wir noch einen kurzen Halt am Borgholms Slott, den Überresten eines ehemaligen Barockschlosses.

Tag 6 Eriksöre/Öland–Norrköping

Ein rot gestrichenes Haus an einem Fluss
Ein rot gestrichenes Haus an einem Fluss
Am nächsten Tag brechen wir unsere „Zelte“ auf Öland ab und verlassen die Insel über die Brücke, dieses Mal bei weniger Wind. Wieder fahren wir nordwärts, mal auf der E 22, mal auf Nebenstraßen, was weniger langweilig ist. Jedes Mal, wenn wir etwas Interessantes oder Sehenswertes erblicken, halten wir an, nehmen die Bilder in uns auf und fahren dann weiter. Mal ist es ein im landestypischen Rot gestrichenes Haus an einem Fluss, mal der Blick von Timmernabben aus hinaus auf die Ostsee. Am frühen Nachmittag erreichen wir Norrköping und ergattern eine Hütte auf einem Campingplatz am Stadtrand.

Tag 7 Norrköping–Sjöberg bei Stockholm

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Ausruhen an einem Naturreservat gelegenen Campingplatz in Sjöberg
Die Etappe von Norrköping bis nach Stockholm bietet nicht so viel Spannendes. Der Wechsel von der Schnellstraße auf fast parallel laufende, gut befahrbare Landstraßen, dazu die Aussicht auf das sehenswerte Stockholm sind die Highlights dieses Tages, bis wir in die Nähe von Stockholm kommen. Hier beginnt plötzlich, die zumeist wenig befahrene Schnellstraße zum Kampfplatz zu werden. Die sonst so entspannten Schweden werden, je näher wir an die Hauptstadt Schwedens kommen, zu kampfbereiten Wikingern, die jeden Meter Straße verteidigen oder erobern wollen. Die Erinnerung an das Wildwest des Straßenverkehrs in Berlin. Etwas gestresst erreichen wir den nördlich von Stockholm in Sjöberg an einem Naturreservat gelegenen Campingplatz. Eigentlich soll an den nächsten beiden Tagen eine Stadtbesichtigung vonstattengehen, doch wir ändern unseren Plan: Natur und Motorrad statt Häusermeer und Menschengewusel. Städtetour vielleicht ein anderes Mal.

Tag 8 Sjöberg–Falun

„Land“-Straße zwischen Sjöberg und Falun
„Land“-Straße zwischen Sjöberg und Falun
Verkehrschaos ade, willkommen Landschaft und Natur. Die Navi-Einstellung wird auf „kurvenreiche Strecke“ geändert und los geht die Fahrt. Keine Schnellstraße, dafür kleine Landstraßen, nur wenige Kilometer bis zum nächsten Abzweig, immer wieder herrliche Ausblicke auf die Seenlandschaft. Bikerherz, was willst du mehr. Und als Zugabe gibts dann auch noch Straßenabschnitte ganz ohne Asphaltdecke. Es ist trocken und die Straßenoberfläche ist fest und ohne Probleme auch mit Straßenreifen befahrbar. Und es macht Spaß, so durch die Landschaft zu fahren und die Natur zu genießen, kein Auto weit und breit, das die Eindrücke stören würde. Selbst die kleinen Ortschaften, die wir durchfahren, strömen die gleiche Ruhe aus. Als wir am Nachmittag Falun erreichen, sind wir uns einig: Das war ein Tag ganz nach unserem Geschmack. Und wir beschließen, den nächsten Tag ohne Motorradfahren in Falun zu verbringen und uns in dem riesigen Sportzentrum umzuschauen.

Tag 9 Ruhetag in Falun

Auch die Schanzenanlage ist imposant, angefangen von kleinen Sprungschanzen für Kinder bzw. Anfänger bis hin zur Großschanze für die Profis
Auch die Schanzenanlage ist imposant, angefangen von kleinen Sprungschanzen für Kinder bzw. Anfänger bis hin zur Großschanze für die Profis
Man sollte meinen, in einem Wintersportzentrum wie Falun ist im Sommer nichts los. Aber da gute Wintersportler schon im Sommer gemacht werden, können wir Skilangläufer beim Training beobachten. Auch die Schanzenanlage ist imposant, angefangen von kleinen Sprungschanzen für Kinder bzw. Anfänger bis hin zur Großschanze für die Profis, ob weiblich oder männlich. Eine Eishalle, eine Tennishalle und eine Reitanlage dürfen natürlich auch nicht fehlen. Aber auch ein Schulzentrum ist vorhanden.
Wir nutzen den Tag in Falun aber nicht nur zum Ausruhen. Für die Reise mit dem Motorrad hat Sabine eine Camping-Waschmaschine gekauft und probiert diese aus. Ein Trockenschrank sorgt anschließend für trockene Klamotten. Unsere Waschmaschine hat übrigens den Test bestanden.

Tag 10 Falun–Drevsjö

Eine kurze Rast an einer Hütte in Drevsjö
Eine kurze Rast an einer Hütte in Drevsjö
Die Erfahrungen vom vorgestrigen Tag, mithilfe der Navi-Funktion „kurvenreiche Strecke“ auf kleine Nebenstrecken ausweichen zu können, helfen uns heute nicht weiter. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass alle Abzweige von der Hauptverkehrsstraße im Nirgendwo enden. Also cruisen wir in lockerem Tempo auf den meist gut ausgebauten Straßen wie die „69“ bis Rättvik und dann weiter über Mora, Älvdalen, Sörna bis nach Idre, immer wieder durch dichte Wälder und vorbei an Seen. Wir kommen weiter nach Norden und in höhere Lagen, mit der Folge, dass es zunehmend kälter wird. Gelegentlich bekommen wir ein Auto zu Gesicht und wenn ich mich recht erinnere, waren auch ein oder zwei Motorräder dabei. In Drevsjö – wir haben inzwischen die Grenze nach Norwegen überquert – können wir dann eine Hütte für die Nacht bekommen und uns dort eine warme Abendmahlzeit zubereiten.

Tag 11 Drevsjö–Stugudalen–Malvik

Abend am Trondheimfjord
Abend am Trondheimfjord
Am nächsten Morgen begrüßt uns Norwegen recht kühl, jedenfalls was die Temperaturen angeht. Bis Röros sind es gerade einmal 100 Kilometer und so nehmen wir uns Zeit, immer wieder einmal anzuhalten und einen Blick auf die Seen oder die über meterhohe Felsbarrieren stürzenden Wasser der Flüsse zu werfen. Trotz der Kargheit der Landschaft, die trotz der Jahreszeit – wir sind im Juni unterwegs – noch in der Aufwachphase zu sein scheint, ist es erhebend, durch die unberührte Natur zu rollen. In Röros, der einzigen Bergstadt Norwegens mit etwas mehr als 5.000 Einwohnern, machen wir einen längeren Halt, um die Bikes aufzutanken und unsere Lebensmittelvorräte zu ergänzen. Müsli für das Frühstück, Getränke und Obst, Fertiggerichte für den Abend. Die Tankstellen bieten nicht nur Benzin, sondern auch leckere Burger oder Baguettes für das leibliche Wohlbefinden. Als wir Röros verlassen, fängt es an, zu regnen. Na bravo. Aber wir sind bestens mit wasserdichten Textilanzügen ausgestattet. Gott sei Dank ist es nur ein kurzer Schauer. Um die Namen aller Seen aufzuzählen, an denen wir entlangfahren, reicht der Platz nicht. Daher nur so viel: Wir genießen die wunderschöne, raue Landschaft, herrliche Straßen, die in langen Schwüngen bergauf, bergab die Natur durchschneiden, kaum mal ein Auto, dafür ab und zu ein Rentier, die hier völlig frei ihr Leben führen können. Geplant war eigentlich, am Stugusjoen zu übernachten, doch der Platz in Stugudalen sieht nicht so einladend aus und so fahren wir noch bis an den Trondheimfjord. Dort finden wir in Malvik einen großen Campingplatz und können noch eine wirklich kleine Hütte buchen. Hier treffen wir auch auf andere Biker, die entweder zum Nordkap wollen oder gerade dort waren, und so ergibt sich manche Unterhaltung am Abend.

Tag 12 Malvik–Kristiansund

Auf dem Weg nach Trondheim
Auf dem Weg nach Trondheim
Wir wollen aber nicht zum Nordkap. Wir wollen zu einer der spektakulärsten Straßen Norwegens. Dazu müssen wir erst einmal ein ganzes Stück nach Westen fahren. Nach einem kurzen Abstecher an den Hafen in Trondheim, wo ein Kreuzfahrer festgemacht hat, fahren wir auf der E 39 Richtung offenes Meer. Anfangs ist die E 39 eine langweilige Schnellstraße, von der wir aber trotz einiger Versuche nicht wirklich loskommen. Erst hinter Orkanger macht es wieder mehr Spaß, weil die Straße schmaler und kurvenreicher wird und in Teilen unmittelbar an einem Fjord entlangführt. Den Halsafjord überqueren wir mit einer Fähre, ehe wir auf Bergsoya die E 39 verlassen und durch einen Tunnel nach Kristiansund auf der Insel Nordlandet fahren. Mittlerweile hat nach einem sonnigen Tag leichter Regen eingesetzt. Dort übernachten wir vor der nächsten Etappe.

Tag 13 Kristiansund–Andalsnes– Solvang Camping–Folven Adventure-Camp

Die traumhafte Atlantikstraße
Die traumhafte Atlantikstraße
Der nächste Tag sollte zu einer Art „Königsetappe“ werden. Nach dem üblichen Frühstücksritual am Morgen führte die Route erst einmal wieder durch einen Tunnel unter dem Meer hindurch auf die Insel Averoya. Was dann folgt, ist einfach phänomenal: Die Atlantikstraße ist nur etwas mehr als acht Kilometer lang, aber auf dieser Strecke bilden acht Brücken die Verbindung zwischen mehreren kleinen Inseln. Es sind Brücken, die architektonisch traumhaft in die Landschaft eingebunden sind und dennoch den Schiffsverkehr zwischen den Inseln hindurch ermöglichen, ein absoluter Hingucker und Touristenmagnet. Wieder auf dem Festland geht es weiter nach Molde, dort durch einen Tunnel unter dem Fannefjord hindurch und wenig später mit der Fähre über den Langfjord. In Andalsnes entscheiden wir uns für die Weiterfahrt und den Aufstieg über den Trollstigen. Die Auffahrt über den Trollstigen ist ein absolutes Muss und wenn man unten im Tal vor der massiven Felswand steht, ein beeindruckender Anblick. Allerdings muss man sich die schmale Bergstraße mit Autos, Wohnmobilen und Bussen teilen und nicht immer ist genügend Platz, wenn ein Bus entgegenkommt. Der Parkplatz auf der Trollstigplataet ist voll und die Preisliste nicht wirklich attraktiv. Wir fahren weiter und verlieren langsam wieder an Höhe, bis wir erneut einen Fjord, den Norddalsfjord, per Fähre überqueren, um den nächsten Bergrücken zu erklimmen. Die Straße führt anschließend über zahlreiche Serpentinen hinunter nach Geiranger, dem bekannten Anlegepunkt für Kreuzfahrer im gleichnamigen Fjord.
Eis auf dem Djupvatnet bei 5°C
Eis auf dem Djupvatnet bei 5° C
Wir halten uns nicht weiter auf und klettern die fast tausend Meter in die Höhe. Der Blick auf die Temperaturanzeige lässt uns innerlich frösteln: fünf Grad Celsius! Der Djupvatnet ist noch zugefroren und mit Schnee bedeckt, ein traumhafter Anblick. Nach dem Langvatnet wird es zunehmend ungemütlich. Die Kälte und leichter Nieselregen lassen uns eine Abkürzung durch kilometerlange Tunnelabfahrten bis ins nächste Tal nehmen. Wir übernachten in einem erlebnisreichen Adventure-Camp, aber das ist eine andere Geschichte. Atlantikstraße, Trollstigen, Geiranger und Djupnatnet waren die Highlights dieser „Königsetappe“.

Tag 14 Folva–Westkap-Selje

Auf dem Weg zum Westkap
Auf dem Weg zum Westkap
Die Straßen am Ufer von Strynvatnet, Hornindalsvatnet und Gangsoyfjorden entlang sind die nächsten Stationen auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel. Wir wollten nicht zum Nordkap, wir wollen zum Westkap. Das Westkap liegt auf der Spitze einer Halbinsel am Ausgang des Vanylvsfjordes auf dem 496 Meter hohen Veten. Nachdem wir den sehr steilen und schmalen Weg erklommen haben, bietet sich uns ein Wahnsinnsausblick: auf der einen Seite das Meer, im Süden wie im Norden die Fjordausgänge und im Osten die Bergwelt Norwegens. Und das im gleißenden Licht der Sonne am wolkenleeren Himmel. Postkartenmotiv, mehr kann man dazu nicht sagen. Der Weg zurück und zu unserem Übernachtungsort Selje fällt uns ziemlich schwer.

Tag 15 Selje–Tveit Camping bei Vangsnes am Sognefjord

„Gaularfjellet Stiga“
„Gaularfjellet Stiga“
Der erste Teil der Route am nächsten Tag geht wieder am Gangsoyfjorden entlang. Am Morgen ist jedoch anderes Licht und es ist eine andere Strecke. Ab Nordfjordeid nehmen wir ein Stück E 39, fahren durch den Lotetunnel bis zur Fähre über den Innvikfjord. In Sandane wechseln wir wieder auf schmalere und wenig befahrene Straßen vorbei an zahlreichen Seen und durch Waldgebiete. Hinter Storebru wartet der Naustdalstunnel auf uns. In Forde machen wir eine kleine Pause und bestaunen die Passagiere eines Kreuzfahrers, die an einer Stelle an Land gelassen werden, wo es nichts zu sehen gibt. Na ja, nicht unser Problem. Der nächste Abschnitt unserer Tour führt uns in eine traumhafte Berg- und Seenlandschaft. Von Sande aus geht es langsam, aber sicher bergan. Wir fahren eine ganze Weile entlang des Viksdalsvatnet und dann hoch auf den Gaularfjellet. Man kann die Eindrücke, die man hier bekommt, nicht wirklich beschreiben, Seen, Wasserfälle, immer wieder grasgedeckte Hütten und dazu herrlicher Sonnenschein. Und das alles ohne störenden Straßenverkehr. Was dann folgt, ist ebenfalls spektakulär: der Gaularfjellet Stiga hinunter zum Sognefjord. Von 750 Metern über dem Meeresspiegel führen neun Kehren bis auf null am Ufer des riesigen Sognefjordes. Mit 205 Kilometern Länge ist er der längste und mit 1.303 Metern der tiefste Fjord Europas. Von einer Fähre lassen wir uns auf die andere Seite des Fjordes bringen und beziehen dort eine Hütte auf einem kleinen Campingplatz. Vor hier aus genießen wir den Sonnenuntergang am Ufer des Sognefjordes, ein unvergleichliches Erlebnis.

Tag 16 Tveit Camping–Fagernes

Der Tag der Tunnelkilometer
Der Tag der Tunnelkilometer
Der Tag der Tunnelkilometer – anders kann man ihn nicht bezeichnen. In Vinje treffen wir auf die E 16 und nutzen die gut ausgebaute Fernstraße. Nach einigen kleineren Tunneln fahren wir durch den 11,4 Kilometer langen Gudvangatunnel und den daran anschließenden fünf Kilometer langen Flenjatunnel, aber das ist noch nicht das Ende. Das Wetter ist schlechter geworden, kalt und nass. In Aurlandsvangen machen wir daher eine Pause. Dort treffen wir auf ein Bikerpärchen, das über den Björgavegen gekommen ist. Sie raten von unserem Plan ab, denn dort oben sei es lausig kalt, nebelig und nass. Also wieder eine Tunnelfahrt, dieses Mal durch den mit 24,5 Kilometern längsten Straßentunnel der Welt. Und damit es nicht zu langweilig und damit gefährlich wird, hat man den Tunnel in unterschiedlichen Farben illuminiert. Aber Björgavegen läuft uns ja nicht weg, vielleicht ein anderes Mal. Bis nach Fagernes ist es nicht mehr weit und wir können in einer sehr schönen Hütte übernachten.

Tag 17 Fagernes–Lillehammer– Hammar–Olberg Camping bei Bastad

Die Hütte auf dem Olberg-Camping
Die Hütte auf dem Olberg-Camping
Am nächsten Tag sollte es eigentlich in Richtung Oslo gehen, aber auf Wunsch meiner Begleiterin gibt es eine Kursänderung. Sie hatte ein Schild mit der Aufschrift „Lillehammer“ gesehen. Da könnte man doch mal hinfahren. Gesagt, getan. Von Dokka aus führt eine teilweise etwas holprige Straße durch ein Waldgebiet Richtung Lillehammer. Lillehammer im Sommer sieht nicht so wirklich einladend aus, im Winter deckt der Schnee wohl so einiges zu. Das Gleiche gilt für Hammar, wo wir im Vorbeifahren einen Blick auf das umgedrehte Wikingerschiff werfen. Über den weiteren Weg an den Randsfjorden gibt es nicht viel zu berichten. Und über die Hütte auf dem Olberg-Camping schweigt des Bikers Höflichkeit. Sauberkeit schreibt man anders.

Tag 18 Bastad–Trollhättan–Ugglarp

Camping in Ugglarp
Camping in Ugglarp
Der nächste Tag zählt dann wieder zu den besonderen Tagen unserer Skandinavienreise. Zuerst eine Strecke von mehr als einhundert Kilometern, feinstes Kurvengeschlängel, keine hundert Meter geradeaus, eine Kurve nach der anderen, immer im Wald und an Seen entlang, kein Verkehr, kaum einmal ein Mensch, erst in Norwegen, dann unbemerkt auch in Schweden. Erst nach 122 Kilometern hinter Ed und dem Lilla Le geht es wieder mehr geradeaus bis nach Trollhättan. Der Campingplatz dort ist vollbesetzt, denn es ist Midsommar. Noch nicht einmal für unser MotoTent ist noch Platz. Also fahren wir weiter bis zu unserem anvisierten Zwischenziel in Ugglarp. Auch hier gibt es keine Hütte für uns, lediglich einen Platz für unser Zelt, und das nicht für eine Nacht, sondern nur für mindestens drei Nächte. Wir akzeptieren, da wir nach der Doppeletappe ein wenig müde sind. Zelt aufgebaut, Abendessen zubereitet und dann noch ein bisschen mit den Nachbarn geplaudert und dann ist der Tag zu Ende.

Tag 19 Ruhetag (Midsommar)

Wasserscheide Nord/Ostsee
Wasserscheide Nord/Ostsee
Midsommar ist in Schweden das zweitgrößte Fest nach Weihnachten. Und die Schweden feiern es ausgiebig mit Familie und Freunden. Man isst und trinkt gemeinsam. Auf dem ganzen Platz wird gefeiert und gesungen, aber nirgendwo wird es richtig laut. Unsere Nachbarn sind nette Dauercamper, die uns mit frischen Erdbeeren versorgen. Wir ruhen uns einen Tag aus und Sabine testet die Temperatur des Durchgangs zwischen Nord- und Ostsee. Aber Ausruhen ist langweilig. Irgendwie kommt langsam auch so ein Gefühl von „Heimweh“ auf und es zieht uns nach Hause.

Tag 20 Ugglasp–Marielyst

Das „Tiny House“ in Marielyst
Das „Tiny House“ in Marielyst
Zeltabbau, Abmelden und Karte abgeben und los geht die Fahrt auf Nebenstraßen bis Helsingborg. Dort nehmen wir die Fähre nach Helsingör in Dänemark. Wir umgehen Kopenhagen und erleben dafür das Verkehrschaos bei einem Rockfestival in Roskilde. Die Straße bis nach Vordingborg ist eine Zumutung für Biker, einfach nur elend lange geradeaus. Da ist die alte und baufällig erscheinende Brücke zur Insel Falster schon eine Abwechslung. Wenigstens ist unser gemütliches und geschmackvoll dekoriertes Tiny House in Marielyst eine Entschädigung für die langweilige Fahrt durch Dänemark.

Tag 21 Marielyst–Gedser–Rostock–Berlin

Einfahrt in Warnemünde
Einfahrt in Warnemünde
Der letzte Tag unserer Tour ist angebrochen. Die Fahrt führt nach Gedser, wo die Fähre schon am Kai steht und auf uns wartet. Nach zweieinhalb Stunden Seereise gehen wir in Rostock wieder an Land. Der Weg nach Hause verläuft auf altbekannten Pfaden durch Mecklenburg-Vorpommern und die Mark Brandenburg. Am späten Nachmittag sind wir wieder zu Hause, ein bisschen müde zwar, aber voller Erlebnisse und Eindrücke.

Fazit

Wir waren einundzwanzig Tage unterwegs und hatten nur an zwei Tagen etwas Regen oder Tunnelphobie und sind insgesamt 5.002,5 km ohne Panne gefahren. Alles in allem war es eine absolut traumhafte Tour. Viel gesehen, viel Motorrad gefahren, aber so, dass wir beides miteinander verbinden konnten. Skandinavien, wir kommen wieder, dann aber mit Finnland und noch mehr Norden.

Motorradtour Skandinavien – von Riesen und Trollen – Infos

Motorradtour Skandinavien – von Riesen und Trollen
Skandinavien steht auf der Liste der Reiseziele für viele Mitteleuropäer ganz oben. Sei es mit dem Auto, dem Wohnmobil, einem Kreuzfahrtschiff oder auch mit dem Motorrad. Die Möglichkeiten sind schier unerschöpflich und es gibt für jeden Geldbeutel etwas. Bei vielen Motorradfahrern ist das Nordkap das ultimative Reiseziel, beschränkt auf „einmal Nordkap und zurück“. Die nachfolgend beschriebene Skandinavienreise hat ein anderes Ziel, nämlich eine Mischung aus Sehen und Fahren. Kommt einfach mit und setzt euch gedanklich auf unsere freien Soziussitze.

Allgemeine Infos

Unter Skandinavien versteht man im landläufigen Sinn eine Region im Norden Europas. Hierzu gehören die Länder Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland. Im engeren Sinne sind allerdings meistens nur die Staaten Norwegen, Schweden und Dänemark gemeint, weil die Sprachen nah miteinander verwandt sind, sodass eine Verständigung nicht so schwierig ist. Während der letzten Eiszeit war die skandinavische Halbinsel vollständig mit Eis bedeckt. Die Eismassen haben die Landschaft geprägt. Die Erdkruste hat sich nach dem Verschwinden des Eises gehoben, in den letzten zehntausend Jahren um sage und schreibe achthundert Meter. Dieser Prozess dauert auch heute noch an.
  • So lang ist diese Motorradtour: ca. 5.550 km
  • Der höchste Punkt der Strecke: 1.302 Meter über NN

Anreise

Für die Anreise nach Schweden bietet sich eine Reihe von Fährverbindungen an. Von Sassnitz und Rostock sowie von Travemünde können die schwedischen Häfen in Trelleborg und Ystad erreicht werden. Von Kiel aus gibt es eine Fährverbindung nach Oslo. Alternativ kann man vom dänischen Hirtshals mehrere Häfen in Südnorwegen anfahren. Wer keine Fähre nutzen möchte, hat die Möglichkeit, von Kopenhagen aus über die mautpflichtige Öresundbrücke nach Malmö zu fahren.

Beste Reisezeit

Bereits Ende Mai kann man die südlichen Teile Schwedens und Norwegens unter die Räder nehmen. Wer hoch in den Norden will, sollte die Monate Juli und August für seine Reise bis hin zu den Lofoten und das Nordkap nutzen.

Verpflegung

In der skandinavischen Küche verwendet man das, was im Lande wächst und was das Meer und die Seen hergeben. Aber auch Süßes und Kuchen gehören dazu, wie zum Beispiel Kanelbüllar, köstliche Zimt- und Kardamomschnecken, die in Schweden vormittags wie nachmittags genossen werden. Graved Lachs (marinierter Lachs) mit einer Senfsauce, Hasselback-Kartoffeln als Beilage zu Fleisch oder Fisch, Kalops – ein Rindfleischeintopf, Köttbullar mit Kartoffelpüree und Gurken sind skandinavische Spezialtäten. Natürlich gehört auch der Hering in allen möglichen Facetten dazu, ebenso wie der Skrei (Winter-Kabeljau).

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