Südlich von Uyuni wartet das letzte große Highlight Boliviens auf uns: die Lagunenroute. Unter Overlandern längst ein Klassiker. Bunte Lagunen, Thermalquellen, Vulkane, endlose Weite. Und unter Motorradfahrern zusätzlich bekannt für: eisige Nächte, ruppige Pisten und dauerhaft über 4.000 Meter Höhe. Klingt ganz genau nach unserem Ding!
Lieber mehr Strecke und weniger Verkehr
Wir entscheiden uns bewusst für die westliche Route. Die ist
Außerdem kaufen wir im letzten Dorf vor der Abzweigung privat noch mehr Benzin, um mit möglichst vollen Tanks zu starten. Nach etwas Herumfragen findet sich meistens jemand. 50 Liter in den Tanks, 15 Liter Reserve, das sollte eigentlich reichen. Wir sind vorbereitet, also ab geht’s ins Abenteuer!
Mäßige Haltungsnoten für Tims eingesprungene Lenkerrolle
Noch bevor wir überhaupt offiziell auf die Lagunenroute abbiegen, verlieren wir allerdings schon unseren ersten Reifenschlauch. So viel zum Thema vorbereitet sein. Dann verpassen wir auch noch die eigentliche Abfahrt. Ein bisschen persönliche Unfähigkeit, ein bisschen fragwürdige Kartendaten – aber vor allem: ein komplettes Chaos aus Trampelpfaden, Viehwegen und Schleichrouten, die hier kreuz und quer durch die Landschaft laufen. Lange Ausrede, kurzer Sinn: Keine hundert Meter, nachdem wir „irgendeinen“ Weg nehmen, liegt Tim neben Jolene im Tiefsand. Mit einer Handvoll Sand im Mund und eher mäßigen Haltungsnoten für seine eingesprungene Lenkerrolle. Wenn das die nächsten 500 Kilometer so weitergeht, dauert das hier ein bisschen.
Sandig bis ruppig, aber fahrbar und wunderschön
Zum Glück kämpfen wir uns relativ schnell auf den richtigen Track zurück – und ab da läuft es deutlich runder. Die Piste ist immer noch sandig und stellenweise ruppig, aber viel besser fahrbar. Und vor allem: wunderschön.
Schon nach den ersten Kilometern tauchen die ersten Lagunen auf. Flaches Wasser, eingerahmt von ockerfarbenem Sand, dahinter schneebedeckte Vulkane. In der ersten Lagune steht eine Gruppe Flamingos. Und sonst niemand. Kein SUV, keine anderen Menschen. Nur wir und die Flamingos. Die Landschaft wechselt ständig die Farben. Mal rötlich, mal gelb, mal fast weiß. Dazwischen Salzflächen, kleine Lagunen, wieder Flamingos. Es fühlt sich an, als hätte jemand am Farbsättigungsregler gedreht.
Die Piste bleibt ruppig. Und irgendwann bekommt Jolenes Heck den finalen Todesstoß. Eigentlich warten wir ja seit Alaska darauf – damals hat sich das Heck zum ersten Mal mit dem Hinterrad angelegt. Jetzt, viele tausend Kilometer später, ist es soweit. Nach kurzer Gewichtsoptimierung – nennen wir es kreatives Abbauen – geht es weiter. Die Strecke bleibt großartig. Schnell, wellig, staubig. Genau das, was wir uns erhofft haben. Kurz vor Sonnenuntergang finden wir hinter einer kleinen Sandkante einen halbwegs windgeschützten Spot. Ringsum nur Dünen, Felsen und diese endlose Weite. Perfekter erster Tag auf der Lagunenroute.
Die Nacht ist kalt, aber aushaltbar. Wir sind inzwischen einiges gewohnt. Am zweiten Tag geht es erst noch entspannt durch die offene Wüstenlandschaft mit kleineren Lagunen. Dann biegen wir in ein riesiges, ausgetrocknetes Flussbett ab. Feiner, tiefer Sand. Kilometerlang. Tim verköstigt bei der Gelegenheit natürlich noch seine Tagesration Sand. Aber irgendwann kommen wir an einen langen, steilen Hillclimb. Genau unser Humor. Mit Schwung, ein bisschen Gebrüll im Helm und ordentlich Drehzahl geht es nach oben. Breites Grinsen inklusive. Nach ein paar Kilometern Querfeldein erreichen wir den berühmten „Steinbaum“, den Árbol de Piedra. Ein vom Wind geformter Felsen, der tatsächlich aussieht wie ein Baum.
Ein falscher Ranger hätte gern 500 US-Dollar von uns
Der Wind hier oben in Kombination mit Sand hat ganze Arbeit geleistet. Wir sind – vermeintlich – wieder mal alleine hier. Machen also einige Fotos mit den Motorrädern. Kaum liegt die Kamera wieder im Tankrucksack, taucht aus dem Nichts ein Bolivianer auf und will eine Strafe kassieren. Wir dürften hier, auf dem Parkplatz, angeblich nicht mit Motorrädern sein, er sei Ranger, das gibt Ärger, 500 US-Dollar-Strafe sofort. Ist klar. Wir greifen zu unserer bewährten Taktik: „No nintendo español. Si, si, gracias. Si Bolivia bien, si Alemania futbol.“ Dazu ein freundliches Lächeln und einfach weitergehen. Wir wissen, dass er weiß, dass wir wissen, dass das Quatsch ist. Nicht unser erstes Rodeo, Kollege.
Ein paar Kilometer weiter und eine weitere Portion Tiefsand später taucht eines der großen Highlights auf. Die Laguna Colorada ist eine der bekanntesten Lagunen der Route – und sie liefert ab. Das Wasser leuchtet orange-rot, fast schon unnatürlich intensiv. Weiße Salzinseln ziehen sich durch die Fläche, pinkfarbene Flamingos stehen im flachen Wasser, dahinter das satte Blau des Himmels. Dazu grüne Moosflächen, unterschiedlichste Sandfarben und im Hintergrund Vulkane. Hier hat Mutter Natur wirklich einmal den kompletten Farbkasten ausgepackt. Wir fahren ein Stück am Ufer entlang, stellen die Motorräder ab und laufen ein bisschen herum. Es ist einer dieser Orte, bei denen man ständig denkt: Das sieht doch nicht echt aus.
Für die zweite Nacht suchen wir uns ein paar Kilometer südlich der Lagune einen kleinen Canyon als Windschutz. Gute Entscheidung. Es wird wieder kalt, aber zumindest rüttelt der Wind in dieser Nacht nicht am Zelt. Die Gegend hier ist übersät mit Vulkanen. An einer besonders aktiven Stelle können wir mit den Motorrädern direkt bis an Geysire und blubbernde Matschlöcher fahren. Es dampft, es zischt, es riecht intensiv nach Schwefel.
Von dort geht es weiter zu den Termas de Polques bei der Laguna Chalviri. Wunderschön gelegen am Rand einer riesigen Salzlagune. Leider auch einer der Haupt-Hotspots für die Touranbieter. Als wir ankommen, stehen dort mindestens 25 SUVs. In den beiden Becken sieht es aus wie im Wellenbad in der Hochsaison. Kurz überlegen wir, ob wir direkt weiterfahren. Stattdessen bleiben wir. Wir kochen erst einmal in Ruhe unsere Pasta, laufen über die knirschende Salzkruste, beobachten Flamingos und warten ab. Als die Touren am späten Nachmittag wieder verschwinden, wird es langsam ruhiger. Wir schlagen unser Zelt einfach auf dem Parkplatz auf. Der Plan: früh raus und den Sonnenaufgang aus den Thermalpools genießen. Am nächsten Morgen stehen wir also früh auf. Es hat etwa –5 Grad. Wir stapfen bibbernd im Dunkeln zu den Becken – und haben sie komplett für uns. 25 Grad warmes Wasser, um uns herum die kalte Hochlandluft, über uns färbt sich der Himmel langsam orange. Keine SUVs. Kein Lärm. Nur wir.
Etwa eine Stunde nach Sonnenaufgang rollen die ersten Tourfahrzeuge wieder an. Da sitzen wir längst geschniegelt – also in staubigen und speckigen Motorradklamotten – neben den Bikes auf dem Sandboden und sind bereit zur Weiterfahrt. So werden wir uns an die Thermalbecken erinnern: alleine, im Morgengrauen. Die Disneyland-Atmosphäre können andere haben. Nach diesem perfekten Start in den Tag warten nur noch eine weitere Lagune und eine kurze, spaßige Sandpassage auf uns. Dann taucht sie plötzlich auf: die Grenze nach Chile. Ein paar Gebäude, ein Schlagbaum – und das war’s.
Die Lagunenroute ist ein riesiger Spaß. Ruppig, bunt, kalt, einsam. Genauso, wie wir es uns erhofft haben. Ein würdiger Abschluss für Bolivien – dieses kleine, aber mit Highlights vollgestopfte Land. Mit staubigen Motorrädern, breitem Grinsen und leicht salzigen Haaren rollen wir Richtung Chile.