Yamaha Ténéré Extreme – Alltag auf dem Straßencrosser

Hohe Sitzbank, KYB-Fahrwerk und neue Fußrasten. Die Ténéré Extreme ist fürs Gelände gemacht und zeigt, dass sie auch im Alltag Spuren hinterlassen kann.
13.04.2024
| Lesezeit ca. 5 Min.
Alexander Klose
Offiziell ist die Ténéré Extreme die jüngste der insgesamt fünf Ténéré-Geschwister. In der Ausstattung ist sie der World Raid deutlich näher als der Standard T7.
Unter anderem KYB-Federelemente an Front und Heck, breite Titanfußrasten, Schnabel-Fender und eine einteilige, auf 910 mm Sitzhöhe aufgepolsterte Rallye-Sitzbank machen aus der Standard-Ténéré 700 die Extreme Edition.
Wie zum Teufel kommt man dann auf die Idee, ein solches Motorrad auf Alltagstauglichkeit zu prüfen? Diese Frage wird am besten zum Schluss beantwortet.

Die Ténéré Extreme im Vergleich mit ihren Geschwistern

Doch der Reihe nach. Mit der World Raid teilt sich die Ténéré Extreme unter anderem das ausgezeichnete und voll einstellbare KYB-Fahrwerk. Dazu gehören eine 43-mm-Upside-down-Gabel von KYB mit Kashima-Beschichtung und 230 mm Federweg sowie das Zentralfederbein, ebenfalls von KYB, mit Ausgleichsbehälter und 220 mm Federweg. Mit der Standard-T7 vereint sie das geringe Gewicht (Ténéré Extreme 205 kg fahrfertig, Ténéré 700 204 kg fahrfertig) und der 16-Liter-Tank. Die World Raid kommt durch den Doppeltank auf satte 23 Liter Tankvolumen.
Allen drei Varianten gemein ist der viel besungene CP2-Motor mit 73 PS Leistung und 68 Nm Drehmoment. Und ja, es gibt Konkurrenz aus nah und fern, deren Motoren stärker sind, mehr Drehmoment leisten, die verschiedensten Fahrmodi, Assistenzsysteme und Kontrollen haben. Trotzdem habe ich noch keinen Fahrer erlebt, der von seiner Ténéré, in welcher Ausführung auch immer, steigt und sich über fehlende Leistung oder Drehmoment beschwert hätte oder dass er an der besonders kniffeligen Stelle zu wenig Knöpfchen hatte, um diese besser zu überwinden.

Grüße von oben – Fahrwerk und Ergonomie

Ab dem ersten Kilometer merkt man, dass das KYB-Fahrwerk der Ténéré Extreme im Vergleich zur Standardversion guttut. Es ist in der Werkseinstellung spürbar weicher und lässt Unebenheiten und Schlaglöcher kaum noch spürbar verschwinden, vermittelt aber dennoch genügend Feedback an Stellen, Stichworte Rollsplitt und glatter Asphalt, die besondere Aufmerksamkeit des Fahrers verlangen. Auch das Eintauchen bei starken Bremsmanövern hält sich in Grenzen. Hervorragend ist die einteilige und um 20 mm aufgepolsterte Sitzbank. Auf ihr lässt es sich nicht nur wunderbar ganztägig gut Platz nehmen, sondern die weiterhin schmale Form bleibt auch im Gelände und bei der Fahrt im Stehen die Bewegungsfreiheit erhalten. Der leicht erhöhte und verstellbare Lenker sowie die breiten Titan-Fußrasten runden den insgesamt sehr guten ergonomischen Eindruck im Fahrerdreieck ab. Übrigens ist die Sitzbank, obwohl einteilig und durchgängig, durchaus soziustauglich und lässt Ganztagestouren ohne Gepäck ohne Weiteres zu. Für einen mehrtägigen Trip müssten jedoch gutes Sitzfleisch und ein sehr geringer Wäschebedarf gegeben sein.

Braucht man das im Alltag? Jein.

Der Weg zur Arbeit, die kurze Erledigung im Supermarkt, der Stadt oder eine kurze Fahrt zu Freunden steht an. Der hohe Schnabel, die Halbstollen (Pirelli Scorpion Rallye STR) und die 910 mm Sitzhöhe sprechen gegen die Verwendung einer Reiseenduro, mit der Betonung auf Enduro. Dafür sprechen der hohe Komfort, das fantastische KYB-Fahrwerk und der im Test fast durchgängig erreichte Verbrauch von 4,2 Litern auf 100 Kilometer. Einzige Ausnahme: Lange Strecken auf der Autobahn bei zügiger Geschwindigkeit lassen den Verbrauch sofort auf über 7 Liter pro 100 Kilometer hochschnellen. Das ist kein Wunder und erwartbar, aber bei einem 16-Liter-Tank und einer äußerst nervösen Tankanzeige, die Leiste im Display fängt ab ca. 5 Liter im Tank an zu blinken, ist man bereits nach 200 Kilometern wieder auf der Suche nach der nächsten Tankstelle. Wen das nicht aus der Ruhe bringt, der kann sich darauf einstellen, aber da hat die World Raid bei annähernd gleichem Verbrauch mit dem 7 Liter größeren Tank deutliche Vorteile.
infotainment

Gepäck – Darfs ein bisschen mehr sein?

Der Wochenendeinkauf lässt sich jedoch nur dann erledigen, wenn man genügend Stauraum zur Verfügung hat. Dafür kann man bei Neubestellung oder nachträglich auf die Gepäcklösungen in Yamahas Zubehörsortiment zurückgreifen. Zum einen bietet der Hersteller stabile und robuste Alu-Koffer an. Diese haben ein Fassungsvermögen von insgesamt 72 Litern (35 Litern rechts, 37 Litern links), sind mit jedoch 453,95 Euro pro Seite kein Schnäppchen. Zudem kommt noch die zwingend erforderliche Halterung für noch mal 369,95 Euro hinzu. Wem das zu viel (Geld oder Gepäckvolumen) ist, hat die Möglichkeit, entweder auf das Softgepäck von Yamaha oder auf Gepäcklösungen anderer Zubehörhersteller zurückzugreifen. Für Yamahas Softgepäck-Set mit insgesamt 44 Litern Gepäckvolumen werden 372,95 Euro fällig. Jedoch ist auch hier die Seitenhalterung für die Koffer nötig, sowie ein zusätzlicher Adapter für 33,95 Euro. Wem auch das noch zu viel ist, wird bei einigen anderen Anbietern fündig, deren Lösungen ohne die Seitenhalter für die Koffer auskommen und auf Riemen zur Befestigung setzen, wie etwa das Softgepäcksystem Discovery2 von Touratech.

Fazit – Im Gespräch bleiben

Eines muss einem jedoch klar sein, wenn man mit der Ténéré Extreme auch im Alltag unterwegs ist: Man wird angesprochen. Oft angesprochen. Motorradfahrer geraten beim Anblick des Schnabels in nostalgisches Erzählen vom Urlaub auf der alten XT, Kinder und Passanten bewundern die Form und stellen Fragen nach Leistung und Sound. Ob einem der Schnabel gefällt oder nicht, er zieht die Blicke und die Aufmerksamkeit auf sich. Dass die Ténéré Extreme mit der verbesserten Geländetauglichkeit (Fahrwerk, Fußrasten, Sitzbank) offroad performt, ist keine Überraschung. Aber wer seine Reiseenduro auch an einem Dienstagmittag oder Donnerstagnachmittag zum Supermarkt, zum Kino oder dem Café ausführen möchte, wird an der Yamaha Ténéré Extreme ganz sicher seine Freude haben.
 Pro
  • sehr gutes KYB-Fahrwerk
  • gute Ergonomie
  • komfortable Sitzbank
  • breite Titan-Fußrasten
 Contra
  • kleiner Tank
  • hoher Verbrauch auf Autobahnetappen
Fahrer Equipment
Yamaha Ténéré 700 Extreme 2024 Yamaha Ténéré 700 World Raid 2024
Motor
Bohrung x Hub 80 x 68,6 mm 80 x 68,6 mm
Hubraum 689 ccm 689 ccm
Zylinder, Kühlung, Ventile Zweizylinder, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile pro Zylinder Zweizylindermotor, flüssigkeitsgekühlt, 4 Ventile pro Zylinder
Abgasreinigung/-norm Euro 5 Euro 5
Leistung 73 PS (54 kW) bei 9.000 U/min 73 PS (54 kW) bei 9.000 U/min
Drehmoment 68 Nm bei 6.500 U/min 68 Nm bei 6500 U/min
Verdichtung 11,5:1 11,5:1
Höchstgeschwindigkeit 186 km/h 186 km/h
Wartungsintervalle Erstinspektion nach 1.000 km, danach alle 10.000 km oder jährlich Erstinspektion nach 1000 km, danach alle 10000 km oder jährlich
Verbrauch pro 100 km 4, 2 Liter k. A.
Kraftübertragung
Kupplung Ölbad, Mehrscheiben Ölbad, Mehrscheiben
Schaltung 6-Gang 6-Gang
Antrieb Kette Kette
Fahrwerk & Bremsen
Rahmen Zentralrohr-Doppelschleifenrahmen Zentralrohr-Doppelschleifenrahmen
Federelemente vorn 43-mm-KYB-Upside-down-Telegabel 43-mm-KYB-Upside-down-Telegabel
Federelemente hinten über Hebelsystem angelenktes Federbein über Hebelsystem angelenktes Federbein
Federweg v/h 230 mm/220 mm 230 mm/220 mm
Radstand 1.595 mm 1.595 mm
Nachlauf 105 mm 105 mm
Lenkkopfwinkel 27° 27°
Räder Speichenfelgen Speichenfelgen
Reifen vorn 90/90 R 21 90/90 R 21
Reifen hinten 150/70 R 18 150/70 R 18
Bremse vorn 282-mm-Doppelscheibenbremsscheiben 282-mm-Doppelscheibenbremse, hydraulisch
Bremse hinten 245-mm-Bremsscheibe 245-mm-Scheibenbremse, hydraulisch
Maße & Gewicht
Länge 2.370 mm 2.370 mm
Breite 905 mm 905 mm
Höhe 1.490 mm 1.490 mm
Gewicht 205 kg 220 kg
zul. Gesamtgewicht 394 kg 410 kg
Maximale Zuladung 189 kg 190 kg
Sitzhöhe 910 mm 890 mm
Standgeräusch 93 dB(A) 91 dB(A)
Fahrgeräusch 75 dB(A) 75 dB(A)
Tankinhalt 16 Liter 23 Liter
Weitere Baujahre 2022-2023
Fahrerassistenzsysteme
ABS
Fahrzeugpreis ab 12.274,-- Euro 13.374,-- Euro
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Kommentare (3)
Klaus
26.04.2024 15:53


Echt stark, wie die Ténéré Extreme auch Alltagsaufgaben meistert. Aber wer denkt bei so einem Bike schon ans Einkaufen? Hier geht's doch ums Fahrgefühl abseits der Straßen.
Tim
17.04.2024 14:07


Hohe Sitzbank und Alltag?
Versteh ich nicht, warum man so ein hohes Motorrad für den Alltag empfiehlt. Die Sitzhöhe allein macht's schon unpraktisch für viele. Wer will denn ständig klettern, um einfach zur Arbeit zu kommen? Plus der Verbrauch auf der Autobahn... nicht wirklich alltagstauglich, oder?
Gersty
13.04.2024 20:38


Tenere Extreme - schwarz und weiß
Die Tenere ist wirklich ein tolles Motorrad. Im Frühjahr 2023 habe die die World RAID und die Standard Probe gefahren und habe mich dann ungefahren für die Extreme entschieden. Es sollte das wirklich stabiler anfühlende Fahrwerk mit der Leichtigkeit der Standard sein.
Nach Auslieferung kam gleich die erste Überraschung:“Huch ist die hoch; und gar nicht so handlich“. Tatsächlich hat sich die Standard „wuseliger“ angefühlt, was wohl am höheren Fahrwerk und damit Schwerpunkt liegen muss. Die Stabilität hat sie mitgenommen, aber das Ansprechverhalten der Gabel ist wirklich „unterirdisch“. Bei schnell auf einander folgenden Unebenheiten fängt die Gabel fast an zu springen, was nicht ungefährlich ist. Mein Händler ist der Meinung, dass sich das noch gibt.
Ansonsten sind die breiten Fussrasten sehr bequem und das Licht wirklich toll hell bei Nacht.
Ich fahre sie mit 3,8- 4,2 Liter/100km und tanke so etwa bei 350 km. Ab 300 km fängt die Tankuhr an zu blinken.
Unverständlich ist, dass nicht der gute Motorschutz der Rally, sondern der dünne Schutz der Standard verbaut ist.
Insgesamt muss man zusätzliches Gewicht für einen vernünftigen Motorschutz, sowie stabile Handschützer einplanen.
Der QuickShifter und die Heizgriffe kann ich persönlich nicht empfehlen. Sie passen so gar nicht in das sonst sehr qualitativ hochwertige Bild. Die Heizgriffe sind knochenhart und bieten kein Griffgefühl und der QuickShifter lässt sporadisch die Gänge so dermaßen reinknallen, dass das Motorrad in der Kurve versetzt wird.
Insofern lieber anderweitig nachrüsten und dann Spaß haben.
Generell ist die Extreme ein tolles Motorrad, ich würde aber Neukäufern die Überlegung nahelegen, ggf. die Standard zu kaufen und evt. ein höherwertiges Fahrwerk nachzurüsten .