Baltikum, Murmansk & Nordkap

14.08.2020 13:06



Wir treffen uns zu viert bei Kiel, erste Etappe Swinemünde. Es läuft trotz Schneeregen gut, schnell sitzen wir im Hotel und stoßen stilgerecht mit Wodka auf die Reise an. An diesem Abend wird von Frank das erste Motto der Reise postuliert: „7:00 Frühstück, 8:00 losfahren“. Tatsächlich sind wir schon um 7:00 beim Frühstück, rollen gen Danzig. Es wird viel gebaut, das werden wir noch im gesamten Osten feststellen.
An einem Autobahnkreuz stehen wir am Straßenrand: Olaf hat es das Radlager hinten zerrissen, auch die Nabe selbst ist beschädigt. Er wechselt das Rad gegen das Reserverad und bald sind wir wieder unterwegs. Das zweite Motto der Reise: „Aufgeben ist keine Option.“ Wir werden auch alle kommenden Probleme lösen.

Nachmittags springt Olafs 2V nicht mehr an. Beherzt angeschoben brennt die Ladekontrollleuchte. Egal, weiter auf Batterie und ohne Licht im Dunkeln durch Danzig – ein Riesenspaß!  
Nach dem Frühstück versammeln wir uns in der Tiefgarage und Guido findet die Ursache: Der Rotor hat Schluss, leider kein Ersatz dabei. Die örtliche BMW-Niederlassung hat zwar die neuesten Mopeds, aber keinen Rotor für eine 40 Jahre alte 2V. Wir grübeln gerade, als uns eine höchst willkommene Nachricht erreicht: Ein Bekannter wohnt in der Nähe und hat einen Rotor für uns!

Grenzkontrolle!

Wenige Fahrzeuge sind morgens unterwegs zur russischen Grenze, wir werden höchst korrekt, höflich, aber gründlich zwei Stunden lang kontrolliert. Danach sind wir rasch in Kaliningrad, ein irrer Verkehr. Die Russen sind flott, aber fair unterwegs...
Im einsetzenden Schneefall erreichen wir das Hotel „Moskwa“. Wir parken die Gespanne im Innenhof – wie im ganzen Osten üblich gibt es bewachte Parkplätze. Nicht wegen Diebstahlgefahr, eher dass man fußläufige Parkplätze für die Gäste bereithalten will. Am nächsten Tag wollen wir über die Kurische Nehrung nach Litauen einreisen. Keiner kann uns sagen, ob das auch möglich ist, also auf und ‚Give it a try‘ – das dritte Motto der Reise. Wir rumpeln über die vereiste Straße und erreichen die tatsächlich besetzte Grenze – und wieder einmal wird freundlich, aber gründlich von den Russen kontrolliert. Die Litauer interessieren sich eher dafür, wieso man im Winter nach Murmansk will – nun, wir wissen es doch auch nicht.
Weiter durch den dichten Wald bis zur Fähre nach Klaipeda. Viele Neubauten, Klaipeda boomt, die Straßen einwandfrei. Wir finden eine Sports-Bar, wo man sich liebevoll um hungrige Gespannfahrer kümmert, und wanken satt zurück zum Hotel.

Immer weiter gen Russland

Früh sind wir unterwegs, raus aus der Stadt. Eine gute Straße lässt unser Tempo auf 90 km/h ansteigen – da spüre ich übles Aufschaukeln und richtig, Plattfuß hinten. Auf dem Weg zur nächsten Reifenwerkstatt werden wir von der Border Control gestoppt: Die sind aber nur an unserer Reise interessiert. Wieder macht Olafs BMW Zicken: Sie läuft nur noch auf einem Pott. Wir kommen erst im Dunkeln in Riga an, also ab ins nächste Hotel. Frank & ich fahren am nächsten Tag durch die marode Vorstadt weiter in die tiefste Bronx mit Industrieruinen, wo ein Motorradschrauber seine Werkstatt hat. Dort tauschen wir 50 Euro gegen eine Honda-Zündspule. Weiter geht es Richtung russische Grenze. Es wird dunkel und schon wieder knurpselt es bei mir: Ein Radlager hinten ist geplatzt, nur noch Trümmer in der Nabe. Also das Ersatzrad aufgezogen und weiter.
Die Grenze erreichen wir im Schneetreiben, 3 Stunden dauert es, bis wir durch sind. Das Navi führt uns durch Industriebrachen, riesige Schlaglöcher, hier ist doch niemals unser Hotel? Doch, innen einwandfrei und gar nicht so schlecht. Sogar zu essen bekommen wir noch und sinken gegen 3 Uhr ermattet in die Betten. Morgens tauschen wir bei Olaf Spule, Stecker und Kabel und bald sind wir wieder auf Achse. Wieder stoppen wir an einem großen Motorradladen. Die Mitarbeiter kommen raus, um uns zu fotografieren. Überhaupt, dauernd werden wir begeistert angehupt und aus dem Auto heraus fotografiert.
Am nächsten Tag bei einer Pause ein Aufschrei von Guido: Eine Verbindung vom Hilfsrahmen zum Motorrad ist gebrochen. Da war doch ein Schild mit einem Hinweis auf eine Werkstatt? Wir finden einen Schrottplatz mit ein paar Containern – was sich als „die Werkstatt“ entpuppt. In den Containern ein Elektroden-Schweißgerät, aber schweißen mögen die hilfsbereiten Russen nicht. Natürlich kann Schlosser Frank schweißen: Das Gespann aufgebockt, offene Kabelenden in die Steckdose gesteckt, ein paar Eisenstücke gesucht und nach einer Stunde ist der Hilfsrahmen stabiler, als er jemals war.
Morgens spulen wir flott Kilometer ab und erreichen bei Dunkelheit ein ranziges, zudem teures Motel in Pushnoy mit unwilliger Rezeptionistin. Mangels Restaurant wackeln wir begleitet von wilden herumstreunernden Hunden in eine Imbissbude an der Hauptstraße.

Ankunft in Murmansk

Seit St. Petersburg fahren wir durch endlose Wälder. Die Richtgeschwindigkeiten werden grundsätzlich um 19 km/h überschritten, bis dahin kostet es noch nichts. Dennoch ist der Verkehr human, es wird nicht gedrängelt oder sinnfrei gerast. Man nimmt Rücksicht auf uns und sogar auf Fußgänger in den Städten. Die Bevölkerung ist interessiert und freundlich. Oft wird nach einem Foto gefragt. Auch auffällig: Es wird kaum geraucht und nirgendwo liegen Zigarettenkippen oder Dreck auf der Straße.
Recht früh sind wir morgens wieder unterwegs. Auf einem Rastplatz fragt ein Trucker uns nach Voda: Wasser, nicht Wodka. Kurz halten wir am Polarkreis für Fotos und am späten Mittag erreichen wir Kandalakscha am Weißen Meer und den Yachtclub, der auch Zimmer offeriert. Wir beschließen, zwei Tage zu bleiben, endlich eine ruhige Nacht mit langem Schlaf. Der Clubchef fährt Guido, Olaf und mich in die Stadt zum Bankomat. Wir laufen nach dem Tanken von Rubelchen noch durch das Dorf, fotografieren den Panzer auf dem Marktplatz und fahren mit dem Minibus zum Hafen zurück.
Am Morgen -21°C, der Winter kommt nun zu uns. Murmansk ist im Vergleich zum Umland eine andere Welt: Es wird gebaut wie verrückt, dichter Verkehr, die obligaten großen Wohnblocks sauber und ordentlich.
Nach einem Stadtrundgang laufen Hannes und sein Kumpel ein: Wie verabredet, nur ein paar Stunden später wegen durchgeblasener Kopfdichtung. Wir sitzen noch lange zusammen und erzählen Heldengeschichten.

Weiter nach Norwegen

Bei der Ausreise aus Russland nach Norwegen muss wirklich jede Tasche geöffnet werden. Die Norweger hingegen fragen nur, wie viel Wodka wir dabeihaben.
In stetig zunehmendem Schneefall und Wind erreichen wir Kirkenes: Das „Valhouse“ – ein Kleinod! Hier hat sich der samische Besitzer einen Traum verwirklicht, skurril und mystisch. Der Eigner kommt abends vorbei und warnt uns vor einem Schneesturm und der kommt auch in der Nacht. Das massive Holzhaus knarrt und ächzt!
Als am späten Morgen die Sperrung der E6 aufgehoben wird, buddeln wir unsere Gespanne aus. Auf den herrlich verschneiten Straßen sind Schneepflüge unterwegs, durch den aufgewirbelten Schnee schwierig zu passieren. Die E6 ist stark vereist und so legen alle Spikes an. In flotter Fahrt passieren wir 71° N und fahren in den Tunnel zur Insel Mageroya ein, auf der das Nordkap liegt. Der ist 7 km lang und führt uns 212 m unter den Meeresspiegel.
Im schwindenden Restlicht erreichen wir Gjesvaer und finden die gebuchte Hütte direkt am Meer. Die Vermieterin des Pfahlbaus hat sichtlich Spaß an uns.
Am nächsten Tag tuckern wir entspannt ohne Gepäck zum Platz, wo das Kolonneskjöring startet: Über den Pass zum Nordkap geht es im Winter nur mit Schneepflug voran. Die Pkw-Fahrer halten uns für Helden, da kommt doch tatsächlich ein Spanier (!) mit seiner GS angehumpelt! Er hatte richtig Stress mit seinen Spikereifen, dauernd Plattfuß und schleicht mehr, als dass er fährt. Dennoch, schon sind wir auf Platz 2 des Heldentums…

Ankunft am Nordkap

Die Fahrt über den Pass ist wunderschön, schnell sind wir am Portal zum Nordkap. Absolut frech sind die 28,50 Euro, welche verlangt werden, und wir hören, dass es auch unter Norwegern heftige Diskussionen darüber gibt. Wir dürfen bis vor die Kugel fahren und machen Beweisfotos, dann geht es mit der nächsten Kolonne wieder heimwärts.
Nach dem Kaffee starten wir morgens in stärker werdendem Schneefall. Absolut herrlich, bestes Winterwetter mit um die -15°. Wir radeln durch etliche Tunnels, Serpentinen die Berge hoch und runter, Kurs Süd. Oftmals geht die Sicht gegen Null, vor allem in den Bergen, wo wir in die Wolken stoßen, „White Out“ wie der Nordmann sagt. Ab und an auch noch Starkwind mit Verwehungen – ein großer Spaß! In Alta beziehen wir eine winzige Hytte, aber das abendliche Nordlicht entschädigt uns.
Bei steigender Kälte nach Schweden
Bei -25°C am Morgen springt Olafs Kuh nicht an, wird angeschleppt, die anderen Mopeds jammern, aber tuckern dann doch los. Es ist sonnig, aber bitterkalt mit -28°C, wir halten alle 50 km und machen Aufwärmübungen. Aber eine tolle Landschaft, wunderschön anzusehen in der Sonne! Bei einem Stopp in Palojärvi beschließen wir zu bleiben.
Am Morgen hat es nun -34°C, kaum draußen sind alle Nasenhaare eingefroren – brrr! Gegen Mittag kommen wir nach Gebrauch der Heißluftpistole los. Plötzlich Eisregen – irre, erst -34°C und nun das, es überzieht unsere Visiere und wir sind blind. Wir halten alle paar Kilometer und greifen zum Eiskratzer, trotz Heizvisier.
Wir sind wieder in Schweden, in Gällivare finden wir ein B&B, dessen Besitzerin erfreut über unvermutete Gäste ist. Das Haus ist eine Puppenstube, überbordende Dekoration an allen Orten. Weiter geht es, leider sind alle Pässe nach Norwegen gesperrt. Auf dem Weg passieren wir wieder den Polarkreis und Olaf holt seine Flasche Linie-Akvavit heraus: Die ist nun das zweite Mal über den Polarkreis und darf nun angebrochen werden.
Langsam rollt eine Kolonne mit Fraktalen bemalter Autos an. Alles Erlkönige, nicht auf Anhieb zu erkennen. Die Neulinge der Gruppe bekommen eine Polartaufe: Sie müssen sich bis auf die Unterhose ausziehen und im Schnee baden. Anschließend geht es nach Hoting, morgens fahren wir einkaufen und es hat mir wieder ein Radlager zerrissen. Bei der Radwechsel-Aktion fällt zu allem Unglück das Gespann vom wegrutschenden Wagenheber. Was ein Tag!
Weiter geht es nach Arsana zum dortigen Skicenter. An der Tankstelle ein Thai-Imbiss, wo wir von den drei Damen aufs Leckerste verwöhnt werden.

Endspurt nach Brekkebygd

Am letzten Tag der Reise sollen Frank und ich unsere Frauen wiederbekommen, immerhin volle vier Wochen waren wir alleine unter Männern. Nach dem Frühstück radeln wir in leichtem Schneefall über die Nebenstrecke – endlich – Richtung Norwegen. Dann ein rot blinkendes Schild mit dem Vermerk, irgendein Pass sei wegen Unwetters gesperrt – die folgenden 90 km wächst in mir die Erkenntnis, dass wohl ‚unser‘ Pass gemeint ist, und ich sehe uns schon wieder zurückfahren. Kurz vor dem Pass springt die Anzeige von „Stengt“ auf „Apen“ – tja, Glück muss man haben!
Bei starkem Seitenwind gibt es Verwehungen, anhand derer uns Olaf wieder mal den „Rudi“ zeigt: Stecker rechts mit Abwurf des Fahrers. Hoch geht es über den Pass, wir legen uns mit einer Volvo-Fahrerin an, die ihr Schlachtschiff wohl nicht beherrscht, der entgegenkommende Schneepflug-Fahrer hupt dazu.
Es schneit, als wir die Grenze passieren, und bald darauf in Brekkebygd bei Hennings‘ Garden sind. Kaum haben wir abgeladen, da kommen auch schon unsere Frauen nebst Mitreisenden angerauscht! Wir essen noch schön zusammen, tauschen Geschichten aus und gehen alsbald in unsere Hytten. Es schneit wieder, als ich gegen 21 Uhr noch mal ans Gespann muss, sieht das einfach nur Klasse aus.
Danke an Frank, Guido und Olaf: Es war eine tolle Mannschaft und eine unvergessliche Reise!
Text: Georg Seifert , Fotos: Georg Seifert, Olaf Rzepka

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