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Estland - Das Land im Osten

19.05.2020 09:30

Elche, Wildschweine, Braunbären, Luchse und Füchse soll es hier geben, im Lahemaa-Nationalpark an der nördlichen Küste Estlands. Dabei sind wir nur 40 Kilometer von Tallinn, der Hauptstadt Estlands, entfernt. Trotzdem ist diese einsame Küsten­region wahrlich eine andere Welt. Auch Wölfe sollen hier schon gesehen worden sein. Beruhigend, dass wir mit 95 PS auf jeden Fall schneller wären. Wilde Tiere begegneten uns keine, dafür urwüchsige dunkelgrüne Natur noch und noch, dazu kleine Sträßchen und seitlich das Meer mit unzähligen Buchten. Sandstrände gibt es hier kaum. Fast überall am Meeresufer liegen helle Steine. Das Meerwasser leuchtet blau und klar. Sicher könnte man hier baden, aber in diese Einsamkeit kommt anscheinend kaum jemand.



Estland, in estnischer Sprache Estonia, heißt wörtlich „Das Land im Osten“. Aus europäischer Sicht ist das wohl bis heute so geblieben, denn östlich davon liegt Russland, was für die meisten Europäer Terra incognita ist. Genauer gesagt befinden wir uns im Moment im Nordosten. Übers Meer sind es gerade mal 80 Kilometer bis nach Finnland. Die Küstenregion im Norden Estlands ist sehr dünn besiedelt, denn sie war lange Zeit militärisches Sperrgebiet der sowjetischen Armee. Auch die Esten selbst durften diesen Teil ihres eigenen Landes nur mit Sondergenehmigung betreten. Beim Ort Hara auf der Halbinsel Juminda sind heute noch die Reste eines sowjetischen U-Boot-Hafens (N 59.588335, E 25.612736) zu sehen. Hier wurden U-Boote aus dem Wasser gehoben und entmagnetisiert, damit sie schwerer aufspürbar sind. Die grauen Betonmauern dafür, dazu Pfeiler und Brückenteile, stehen noch, aber alles ist in völlig marodem Zustand. Eine gespenstische Ruhe liegt über dieser verlassenen russischen U-Boot-Basis.



Es war nicht nur der Zahn der Zeit, der Spuren hinterließ. Als die Russen im Jahr 1993 aus Estland abzogen, bekanntlich nicht so ganz freiwillig, nahmen sie so viel wie möglich mit. Was nicht transportiert werden konnte, wurde von den abziehenden Truppen zerstört oder wurde, so wie es war, zurückgelassen. Auch der Betonschrott blieb stehen, bis heute. Obwohl keineswegs natürlichen Ursprungs, sind auch diese Hinterlassenschaften Teil der Geschichte dieses Nationalparks. Seit 1993 ist das urwüchsige Land im Norden Estlands wieder zugänglich. Ein Gutes hat die frühere militärische Nutzung bis heute: Nette kleine Sträßchen führen durch den Nationalpark, meist direkt entlang des Meeresufers. Nach dem Abzug der Sowjets bauten Esten in dieser Wildnis wieder diverse neue Häuser in fröhlich leuchtenden Farben. In den wenigen Dörfern hier, immer direkt am Meeresufer gelegen, herrscht munteres Treiben. Das estnische Wort „Saddam“, das man auf Wegweisern öfters liest, heißt übrigens schlichtweg „Hafen“. Hafenanlagen für große Schiffe gibt es hier nicht, aber diverse Anlegestellen für Fischer- und Sportboote. Käsmu wurde das „Dorf der Kapitäne“ genannt. Es gab eine Seefahrtschule und in der Vor-Sowjet-Zeit bauten Kapitäne hier Häuser für ihre Familien. Die zerklüftete Küstenregion war schon immer für Seefahrer interessant. Als in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts in Finnland Alkohol verboten war, brachten Esten in ihren Fischerbooten den Alkohol nach Finnland und verdienten gut dabei. Der Ort Viinistu im Norden des Nationalparks wird noch heute „Hauptstadt der Schmuggler“ genannt. Im Nationalpark Lahemaa stehen mehrere Gutshäuser, die einen Eindruck vom Leben in früheren Jahrhunderten geben. Neu renoviert erstrahlt in hellem Glanz der Gutshof Palmse, www.palmse.ee/de, Position N 59.511953, E 25.955994. Der Gutshof Kolga (Position N 59.655556, E 25.672222) ist teilweise eine Ruine. Allein das Treppenhaus aber vermittelt einen Eindruck davon, wie grandios dieses Herrenhaus einst aussah. Sein Erdgeschoss wurde renoviert und ein nettes Café eingerichtet. Wenn man freundlich fragt, kann man wohl auch das normalerweise nicht zugängliche Obergeschoss besichtigen. Offensichtlich nicht wiederhergestellt wird der verlassene Gutshof an der nordwestlichen Seite des zweiten „Fingers“ ins Meer im Nationalpark. Das verwaiste Gemäuer ist frei zugänglich und ist ein interessanter „Lost Place“.



Klar, eines spricht hier auf den ersten Blick gegen das Motorradfahren: Bergstrecken mit Haarnadelkurven gibt es in Estland wirklich nicht. Genauer gesagt überhaupt keine Passstraßen. Der höchste Berg Estlands ist stolze 318 Meter hoch. Weil das anscheinend auch den Esten ein bisschen zu wenig war, errichteten sie auf dem höchsten Punkt ihres Landes noch einen Aussichtsturm.
Von diesem aus kann man wohl das gesamte Land überblicken. Wenn es irgendwo bergab geht, haben die Esten anscheinend Angst, hinunterzufallen und stellen deshalb ein furchterregendes Warnschild auf: „Sieben Prozent Gefälle“. Serpentinen gibt es im ganzen Land keine, aber tolle kurvige Sträßchen entlang der Küste, wunderschöne Inseln und geschichtsträchtige Landschaften. Die Historie Estlands reicht hier immerhin vom Deutschen Orden über die Hanse bis zur Sowjetzeit und der neu gewonnenen Freiheit danach.



Ein politisch-geographisches Unikum existiert im Südosten Estlands bis heute: Hier verläuft die Verbindungsstraße zwischen den estnischen Orten Saatse und Värska durch russisches Territorium. Es gibt keine Grenzkontrollen und die Straße über russisches Gebiet darf ohne Visum passiert werden, allerdings nur von Fahrzeugen, nicht aber zu Fuß. Anhalten ist ebenso verboten, wie die Straße zu verlassen. Es sieht so aus, als könne man hier „einfach so“ durch den Wald, in russisches Territorium eindringen. So menschenleer, wie der Wald um die Straße herum erscheint, ist er wohl nicht, sondern zweifellos von russischen Soldaten gut bewacht. Menschen, die auf dieser Straße joggten, seien von russischen Grenzsoldaten schon für eine Nacht ins Gefängnis gesperrt worden. Wer jedoch auf der Straße bleibt, fährt unbehelligt durch russisches Staatsgebiet. Wesentliches zu sehen, gibt es an dieser Straße nicht.Interessant ist allein schon das Gefühl, wahrscheinlich zum ersten Mal im Leben auf russischem Territorium unterwegs zu sein.

Tallinn, die Hauptstadt Estlands, aber muss man gesehen haben. Tallinn trug bis 1918 den Namen Reval, ist Tor zur Ostsee gleichermaßen wie kulturelles Zentrum des Landes. Allein die Stadtmauer – immerhin noch knapp zwei Kilometer samt über 20 Türmen sind erhalten – ist ein Erlebnis wert. Pärnu, die zweitgrößte Stadt Estlands, liegt am gleichnamigen Fluss und ist ebenfalls einen Besuch wert. Gleiches gilt für die beiden großen Inseln. Von Virtsu auf dem estnischen Festland verkehren Fähren nach Kuivastu auf der Insel Muhu. Die kleine Insel Muhu ist mit der größten der estnischen Inseln, mit Saaremaa, mit einem Damm verbunden.
Text: Dietrich Hub , Fotos: Dietrich Hub