Es gibt Straßen, die sind mehr als nur Asphalt. Straßen, die Geschichten von Freiheit, Sehnsucht und Aufbruch erzählen. Die Route 66 ist so eine Straße – die Mother Road. Sie ist Mythos und Symbol zugleich, knapp 100 Jahre alt und fest im kollektiven Gedächtnis verankert.
Ich, Erik Brasse, will diese legendäre Straße auf einer Harley-Davidson Street Glide Ultra erleben. Es wird meine längste Motorradtour, meine erste Reise durch die USA und überhaupt mein erster Schritt auf amerikanischem Boden. Rund 4.000 Kilometer von Chicago bis zum Pazifik – für viele ein Traum, für mich plötzlich Realität. Und ich nehme euch mit: Tag für Tag, Meile für Meile auf der Route 66.
Self-guided mit EagleRider von Chicago bis Los Angeles: eine Route-66-Tour, bei der die App den Rahmen liefert und genug Raum für eigene Abenteuer bleibt.
Die Lichter von Chicago
Chicago, der Anfang von allem: eine Stadt voller Energie, direkt am Lake Michigan. Wolkenkratzer, Jazz, Blues – eine Metropole, die lebt. Ich komme am späten Nachmittag an, bringe das Gepäck ins Hotel und könnte mich nach dem langen Flug eigentlich einfach aufs Bett fallen lassen. Stattdessen zieht es mich raus in die Stadt.
Es ist schon dunkel, aber genau das macht den Reiz aus. Die Hochhäuser sind beleuchtet, Reklametafeln spiegeln sich in den Glasfassaden, die Straßen sind voll, ohne hektisch zu wirken. Ich laufe durch Downtown, lasse mich treiben, esse eine dieser dicken Chicago-Pizzen, die eher an einen Auflauf erinnern als an das, was ich von zu Hause kenne.
Das Verrückte: Obwohl ich noch nie in den USA war, fühlt sich vieles vertraut an. Die Perspektiven, die Straßenschluchten, die Lichter – man kennt das alles aus Filmen und plötzlich steht man mittendrin. Es hat etwas von Déjà-vu, als wäre man schon einmal hier gewesen.
Während ich zwischen den Hochhäusern entlanglaufe, wächst die Vorfreude. Morgen hole ich die Harley ab. Morgen beginnt das eigentliche Abenteuer. Chicago ist nur der Auftakt, aber schon dieser erste Abend gibt mir genau das Gefühl, das ich mir erhofft habe: dieses leise Kribbeln, wenn man weiß, dass etwas Großes vor einem liegt: EagleRider, App und Street Glide Ultra.
Erster Fahrtag: Vom Shuttle auf den Sattel
Am nächsten Morgen beginnt der erste „richtige“ Tag. Unten vor dem Hotel wartet das Shuttle, das mich zum EagleRider-Stützpunkt in der Nähe des Flughafens bringt. Wieder Beton, wieder Verkehr – aber diesmal mit einem klaren Ziel: das Motorrad abholen, das mich in den kommenden zwei Wochen begleiten wird.
Die Halle ist voll mit Bikes. Reihenweise Harleys, dazu Helme, Koffer, Jacken – und mittendrin meine Maschine: eine Harley-Davidson Street Glide Ultra, aktuelles Modelljahr. Ein ausgewachsener Tourer, mit großen Koffern, Windschild, Musikanlage und all dem Komfort, den man für lange Tage im Sattel gern mitnimmt.
Bei EagleRider läuft alles routiniert. Wir gehen gemeinsam das Motorrad durch, sprechen über Einstellungen, Versicherung, Notfallnummern und darüber, was zu tun ist, falls unterwegs doch einmal etwas schiefgeht. Die Tour ist als self-guided Trip organisiert: Alle Hotels sind vorgebucht, die Tagesetappen in einer App hinterlegt, inklusive kleiner Abstecher und Sehenswürdigkeiten entlang der Route. Die App funktioniert offline, die Navigation läuft über GPS – im Prinzip reicht es, morgens kurz zu schauen, wohin der Tag führen soll.
Bevor es wirklich losgeht, kommt noch ein Moment mit Symbolcharakter: Jede und jeder, der die komplette Route-66-Tour fährt, unterschreibt auf einer großen Flagge. Zwischen all den Namen derjenigen, die die Mother Road schon hinter sich gebracht haben, setze ich meinen. Ein kleiner Schriftzug, aber innerlich ein ziemlich großer Schritt. Mit der Unterschrift auf der Flagge gibt es keinen Weg mehr zurück.
Dann ist die Harley gepackt, alle Taschen verstaut, die letzten Fragen sind geklärt. Ich drücke den Starter, der V-Twin erwacht zum Leben und füllt die Halle mit diesem tiefen, wummernden Klang. In dem Moment ist die Aufregung greifbar: hinter mir die Großstadt, vor mir die Mother Road – los geht's!
Raus aus der Stadt, rein in die Geschichte
Die ersten Kilometer sind noch weit weg von Postkartenromantik. Ampeln, Stadtautobahn, Gewerbegebiete, Vororte. Aber je weiter ich mich von Chicago entferne, desto mehr kippt das Bild. Aus mehrspurigen Straßen werden kleinere Highways, aus Betonbahnen langsam Landstraßen.
An den Rändern tauchen die ersten klassischen Bilder der Route 66 auf: Diners mit Neonreklame, alte Tankstellen, verblasste Werbeschilder. Man merkt, wie sich die moderne USA Schicht für Schicht zurückzieht und Platz macht für ein Straßenbild, das man sonst nur aus Archivfotos und Filmen kennt.
Einer der ersten echten Stopps ist das Route 66 Hall of Fame and Museum in Pontiac. Von außen wirkt es unscheinbar, innen hängen die Wände voller Fotos: Tankstellen, Motels, Reklameschilder, verlassene Läden – Momentaufnahmen aus fast einem Jahrhundert Mother Road. Ich habe nicht viel Zeit, um jedes Bild in Ruhe anzusehen, aber schon ein schneller Rundgang reicht, um zu spüren, wie viel Geschichte in dieser Strecke steckt. Vieles davon werde ich in den nächsten Tagen im Original erleben, manches erkenne ich später erst im Rückblick wieder.
Als ich das Museum verlasse, steht die Sonne schon tief. Zurück auf der Harley, fahre ich in einen dieser Abende hinein, an denen das Licht alles weicher macht. Der Himmel färbt sich langsam orange, die Straße wird leerer, und zum ersten Mal auf dieser Reise habe ich das Gefühl, wirklich auf der Route 66 angekommen zu sein – nicht nur geografisch, sondern auch im Kopf.
Illinois, Missouri und ein Teller Ribs
Je weiter ich fahre, desto stärker zeigt die Route 66, was sie eigentlich ausmacht. Es sind nicht die großen Städte, sondern die kleinen Orte dazwischen: verblasste Neonlichter, Cafés am Straßenrand, verlassene Tankstellen, die wie eingefrorene Momentaufnahmen wirken. In einem dieser Orte stoße ich auf eine alte Shell-Station. Ich halte an, mache Fotos, da kommt ein älterer Mann auf mich zu und erzählt, dass das Gelände seinem Onkel gehört. Die Tür steht offen, drinnen riecht es nach Keller, Staub und Jahrzehnten – an den Wänden hängen alte Reklametafeln und Werkstattposter. Ein Ort, der nicht restauriert wurde, sondern einfach geblieben ist, wie er war.
Als ich weiterfahre und schließlich den Mississippi überquere, komme ich in St. Louis an – mit richtig Hunger. Auf Empfehlung und dank einer vielversprechenden Bewertung finde ich mich bei Pappy’s Smokehouse wieder, einem Barbecue-Laden, der von außen unscheinbar wirkt, aber im Inneren gefüllt ist mit Rauch, Stimmen und Geschichten. Die Ribs gehören angeblich zu den besten des Landes und nach dem ersten Bissen glaube ich das sofort. Zwei Einheimische setzen sich zu mir, wir reden über Football, Fleisch und Motorräder, und plötzlich fühlt es sich an, als wäre man schon lange Teil dieses Ortes. Später erreiche ich Rolla, müde, gut satt und mit dem Gefühl, heute mehr über Amerika gelernt zu haben, als es jeder Reiseführer vermitteln könnte.
Lange Tage, leere Straßen
Der vierte Tag beginnt früh und schon kurz hinter Rolla schraubt sich die Route in langen Bögen durch die Ausläufer der Ozark Mountains. Nebel liegt in den Senken, Sonne auf den Hügelkanten – eine dieser Kombinationen, die man nicht plant, die aber hängen bleibt. Unter dem Helm grinse ich dauerhaft und je weiter die Straße sich öffnet, desto mehr verstehe ich, warum Motorradfahren für viele der Inbegriff von Freiheit ist. Wälder werden zu Feldern, Felder zu kleinen Orten, und immer wieder kommt man mit Menschen ins Gespräch.
Am Morgen treffe ich drei Frauen, die ebenfalls die gesamte Route 66 fahren – zwar im Auto, aber mit genauso viel Freude. Wir tauschen Tipps aus, sie erzählen mir, was mich in Los Angeles erwarten könnte, und es fühlt sich an, als gehörten solche Begegnungen einfach zu dieser Reise.
Zwischendurch halte ich an, trinke etwas, creme mir das Gesicht nach – die Sonne steht inzwischen hoch, der Helm ist offen, der Fahrtwind warm. Nichts lenkt ab: kein Lärm, kein Druck, nur Motor, Wind und Straße.
Jede weitere Meile ist ein kleiner Sieg, jeder Abschnitt ein Stück Abenteuer. Am Abend erreiche ich Tulsa müde, aber zufrieden – ein langer Etappentag, an dem sich die Route 66 zum ersten Mal weniger als Ausnahme und mehr wie ein neuer Alltag auf Zeit anfühlt.
Oklahoma: Weite und stille Geschichten
Am fünften Tag geht es von Tulsa nach Clinton, rund 300 Kilometer über Oklahoma City. Unterwegs zeigt die Route 66 ein neues Gesicht: Was rund um Tulsa noch deutlich grüner war, wird Schritt für Schritt flacher, weiter und landwirtschaftlich geprägt – mehr Acker, mehr Felder, weniger Wald.
In Oklahoma City lege ich einen Stopp ein, esse ein Chicken Fried Steak zum Lunch und fahre danach weiter in ein Gebiet, das historisch eng mit den Native Americans verbunden ist. Viel davon sieht man von der Straße aus nicht, aber wenn man weiß, dass dieses Land einst als „wertlos“ abgestempelt und zum Indianerreservat erklärt wurde, laufen im Kopf Bilder mit, die man sonst nur aus Filmen kennt.
Je näher ich Clinton komme, desto leerer werden die Straßen, teilweise gehört mir die Route 66 ganz allein. Kein Lärm, keine Ablenkung – nur Wind, Motor und eine ehrliche, ungeschminkte Landschaft, die sich bis zum Horizont zieht.
Museen, Geschichte und der Weg nach Texas
Von Clinton aus ist der erste Stopp des Tages das National Route 66 Museum. Von außen wirkt es fast wie ein kleiner Freizeitpark, innen entpuppt es sich als eine Art Mini-Stadt: einzelne Holzgebäude, Kirche, Schule, Läden, dazu Exponate zur Geschichte Oklahomas – von den Ureinwohnern über die Siedler bis zu Rodeo und Route 66. Für ein paar Dollar Eintritt bekommt man hier nicht nur ein paar Schautafeln, sondern ein Gefühl dafür, wie hart und einfach das Leben hier früher gewesen sein muss. Ein kurzer Rundgang reicht, um den Kopf einmal aus der Gegenwart zu holen, bevor es wieder zurück auf die Straße geht.
Danach heißt es wieder: Helm zu, Zündung an, zurück ins eigene Roadmovie. Hinter der Staatsgrenze öffnet sich Texas mit genau den Bildern, die man im Kopf hat: endlose Weite, ein Horizont, der nicht näherkommt, und eine Straße, die scheinbar kein Ende hat. Amarillo empfängt mich am Abend mit einem Steak, das größer ist als der Teller, und einer Portion Cowboy-Atmosphäre, die kaum klischeehafter sein könnte – aber genau deshalb perfekt zu diesem Tag passt.
Cadillac Ranch und der Sprung nach New Mexico
Am nächsten Morgen zeigt Texas eine andere Seite: Es ist nicht kalt, aber es regnet und ich bin froh, die Regenkombi eingepackt zu haben. So hatte ich mir den Lone-Star-State nicht vorgestellt – grauer Himmel statt glühender Sonne –, aber genau das gehört zu so einer Tour dazu. Immer wieder ziehe ich die Regenklamotten aus und kurz darauf doch wieder an, als würde das Wetter genau darauf warten.
Je weiter ich nach Westen komme, desto weiter wird auch die Landschaft: weniger Grün, mehr offene Flächen, ein ehrlicher Blick bis zum Horizont. Vier Staaten liegen inzwischen hinter mir und gerade im Regen merke ich, wie sehr ich inzwischen „drin“ bin: nicht mehr Besucher, sondern Teil dieses Roadtrips.
Kurz hinter Amarillo wartet dann ein echtes Highlight: die Cadillac Ranch. Zehn alte Cadillacs, schräg in den Boden gerammt, bunt besprüht, mitten in einem Feld. 1974 als Kunstprojekt gestartet, ist der Ort heute ein Besuchermagnet – und einer dieser Spots, die auf einer Route-66-Tour einfach dazugehören. Der Boden ist matschig, es riecht nach Regen und Sprühlack, überall laufen Leute zwischen den Autowracks herum und verewigen sich mit ihren Graffitis auf dem Blech. Danach geht es weiter Richtung New Mexico, der Regen lässt langsam nach und mit jedem Kilometer fühlt sich dieser Tag mehr wie ein Kapitel im eigenen Roadmovie an.
Santa Fe und ein Blick hinter die Self-guided-Kulissen
Santa Fe fühlt sich an wie ein kunstvoller Zwischenstopp in einem Roadmovie, das plötzlich einen anderen Ton annimmt. Mehr als 400 Jahre Geschichte, ein Mix aus Kulturen, Kunst und Spiritualität – und ganz ehrlich: Ohne die Route 66 wäre ich wahrscheinlich nie hier gelandet.
Die Harley bleibt heute stehen, ein Tag zum Durchatmen, zum Sortieren all der Eindrücke der letzten Woche. Erst jetzt merke ich, wie viel ich bereits erlebt habe und wie gut es tut, einmal keinen Helm aufzusetzen.
Zwischendrin denke ich darüber nach, wie diese Tour eigentlich funktioniert, denn darüber spricht man erstaunlich wenig. Ich fahre eine Self-guided-Tour über EagleRider. Das Prinzip ist simpel, aber durchdacht: Man sucht sich Motorrad und Route aus – in meinem Fall die Street Glide Ultra und die komplette Route 66 – und bekommt eine App, in der alle Tagesetappen hinterlegt sind. Hotels sind vorgebucht, die Navigation läuft per GPS auch ohne Internet und entlang der Route sind Highlights markiert, die man anfahren kann, aber nicht muss.
Genau das macht den Reiz aus: volle Freiheit im eigenen Tempo. Man schaut sich an, was einen interessiert, lässt weg, was nicht passt, und hat trotzdem jederzeit die Sicherheit eines festen Rahmens im Hintergrund.
Für heute bedeutet das vor allem eines: ankommen. Ich streife durch die engen Gassen, sehe Kunstgalerien, Schmuckläden, Plätze voller Leben – und genieße zum ersten Mal auf dieser Reise das Gefühl, einen Tag lang nichts anderes tun zu müssen, als aufzutanken, bevor morgen die Straße wieder ruft.
Von Santa Fe nach Gallup: goldene Bäume, große Weite
Zurück auf der Straße, zurück auf der Street Glide, geht es noch einmal quer durch Santa Fe – diesmal in die richtige Richtung. Kaum ist die Stadt im Rückspiegel verschwunden, wechselt die Kulisse im Minutentakt. Die Gleise der Eisenbahn ziehen sich parallel zur Straße, ich überquere den Rio Grande, kleine Orte tauchen auf und verschwinden wieder.
Hier draußen, im Land der Navajo, wird spürbar, wie groß dieses Land wirklich ist: unendliche Weite, ein Horizont, der nicht näherkommt, und das Gefühl, selbst ziemlich klein zu sein – und gleichzeitig freier als je zuvor. Mit jedem Kilometer wächst die Verbindung zum Motorrad, die Harley wird immer mehr zum Reisebegleiter als zum Mietfahrzeug.
Auf Empfehlung mache ich noch einen Abstecher in einen State Park. Die Straße schraubt sich den Hang hinauf, oben leuchten die Espen in einem fast unwirklichen Gelb. Ganze Hänge sind in Gold getaucht, dazwischen ein paar Tupfer Rot und Orange. Viele Menschen sind nur wegen dieses Schauspiels hier, machen Fotos, spazieren zwischen den Bäumen, genießen den kurzen Moment im Jahr, in dem die Farben genau so aussehen. Für mich fühlt es sich an wie ein Bonuskapitel dieser Reise: nicht typisch Route 66 – aber genau einer dieser Umwege, die am Ende hängen bleiben, bevor es weiter Richtung Gallup geht.
Parks zu, Abenteuer offen
Die Route 66 wird bald 100 Jahre alt – 1926 eröffnet, verband sie Chicago mit Santa Monica und wurde zur Bühne unzähliger Roadtrips, Geschichten und Abenteuer. Heute ist sie für viele in den USA ein echtes Stück Geschichte, das entsprechend gefeiert wird. Umso merkwürdiger fühlt es sich an, wenn ausgerechnet die Orte geschlossen sind, an denen man diese Geschichte besonders intensiv spüren könnte.
Am zehnten Tag soll es eigentlich nach Flagstaff gehen, die geplante Route führt durch den Petrified Forest National Park. Auf der Karte sieht das nach einem echten Highlight aus, in der Realität steht am Eingang nur: geschlossen. Ich spreche mit mehreren Leuten, alle erzählen mir eine ähnliche Geschichte – Haushaltskürzungen, Leute nach Hause geschickt, Parks vorübergehend dicht. Seit ein, zwei Wochen sei das schon so, keiner weiß, wie lange noch. Ärgerlich wäre untertrieben, aber die Straße wartet, also fahre ich weiter.
Später versuche ich mein Glück am Walnut Canyon. Die App führt mich über eine längere Offroad-Passage dorthin, der Weg macht Spaß, aber am Ende steht wieder ein Schild: gesperrt. Die Pechsträhne scheint perfekt. Gerade als ich umdrehen will, treffe ich zwei Deutsche, die mir erzählen, dass man zwar nicht mehr bis ganz nach oben fahren, aber den Rest laufen kann.
Also parke ich die Harley am Straßenrand und mache mich zu Fuß auf den Weg. Nach gut einem Kilometer öffnet sich der Blick in den Canyon – still, weit und deutlich beeindruckender, als es jedes Schild am geschlossenen Eingang vermuten lässt. In solchen Momenten wird klar: Auch wenn nicht alles nach Plan läuft, liefert die Mother Road genug Stoff für neue Geschichten.
Ein Mitfahrer auf Zeit und der Grand Canyon
Es ist der elfte Tag und zum ersten Mal auf dieser Reise fahre ich nicht allein los. An einer Ampel in Flagstaff treffe ich Dylan, ebenfalls auf einer Harley unterwegs. Ein kurzer Blick, ein paar Worte – und schon fahren wir gemeinsam weiter zum Sunset Crater Volcano, ein Tipp, den ich am geschlossenen Nationalpark am Vortag bekommen hatte. Die Straße dorthin windet sich durch Wälder und alte Lavafelder, oben leuchten die Hänge dunkel und rau.
Kurz danach trennen sich unsere Wege wieder, Dylan biegt ab, ich halte Kurs Richtung Grand Canyon.
Der Grand Canyon selbst sprengt jedes Format. Der Nationalpark-Eingang ist geöffnet, der Eintritt ausnahmsweise frei – vielleicht ein Nebeneffekt derselben Sparmaßnahmen, die andere Parks geschlossen haben. Am Desert View Watchtower stehe ich zum ersten Mal am Rand dieser riesigen Schlucht: Rund 450 Kilometer lang, bis zu 30 Kilometer breit und an der tiefsten Stelle etwa 1,8 Kilometer tief.
Von verschiedenen Aussichtspunkten aus sieht man den Colorado River, der sich unten wie ein dünnes Band durch die Landschaft zieht – und dabei über Millionen Jahre genau das geformt hat, was man hier oben sprachlos anstarrt. Es ist einer dieser Momente, in denen selbst eine lange Motorradreise plötzlich klein wirkt und man trotzdem das Gefühl hat, genau am richtigen Ort zu sein.
Kleine Städte, große Geschichten
Zurück auf der Route 66 geht es weiter Richtung Laughlin – eine Etappe, die sich anfühlt wie eine kompakte Version all dessen, wofür diese Straße steht.
In Seligman gönne ich mir ein spätes Frühstück, das irgendwo zwischen Frühstück und Mittagessen liegt: Milchshake und Burger. Der kleine Ort wirkt wie eine Musterstadt für das, was man sich unter „klassischer Route 66“ vorstellt – Diners, bunte Schilder, Souvenirläden, alte Autos vor der Tür. Vieles ist bewusst inszeniert, aber genau das macht den Reiz aus.
Später führt mich ein Hinweis in der App zu einer Höhle, die zum System des Grand Canyon gehört. Ich entscheide mich für die kürzere Tour und habe Glück: Alle anderen buchen die lange Variante, ich bekomme eine Führung nur mit dem Guide. Er heißt Dino, seine Familie hat die Höhle früher besessen, musste sie aber verkaufen, als der alte Fahrstuhl kaputtging und sie sich den neuen nicht leisten konnte. Unten erzählt er von der Geschichte des Ortes und davon, dass hier seit rund tausend Jahren kein Wasser mehr gestanden haben soll – eine der Voraussetzungen dafür, dass man heute überhaupt hinabsteigen kann. Ein Abstecher, den ich fast ausgelassen hätte und der am Ende zu den Momenten gehört, die besonders hängen bleiben.
Zurück an der Oberfläche empfängt mich wieder die Hitze. Die Tage mit Regenkombi wirken weit entfernt, die Luft flirrt über dem Asphalt. In Oatman laufen Esel durch die Straßen, als wären sie hier die eigentlichen Gastgeber; Geschichten von alten Goldgräbern hängen über den Holzhäusern.
Später rolle ich im Dunkeln nach Laughlin hinein – eine kleine Version von Las Vegas, Neonlicht am Fluss, Casinos statt Motels. Ein Tag, der zeigt, wie viele verschiedene Welten in eine einzige Route-66-Etappe passen.
Mojave, Nebenstraße und das Recht, umzudrehen
Kalifornien – der letzte Bundesstaat auf dieser Reise. Rein theoretisch bedeutet das: Das Ende ist nicht mehr weit, bald muss ich die Harley wieder abgeben. Praktisch will ich daran noch nicht denken. Statt einfach auf der Interstate Richtung Los Angeles durchzuziehen, entscheide ich mich für die spannendere Variante: einen großen Schlenker durch die Mojave-Wüste. In der App sind mehrere Punkte markiert, die sich dort lohnen sollen. Der Tank ist voll, die Restreichweite passt, Wasser habe ich genug dabei, die Luft ist heiß und trocken – beste Voraussetzungen für einen Abstecher ins Nichts.
Am ersten Fotostopp kommt kaum Verkehr vorbei. Dann hält ein Officer an, fragt, ob alles in Ordnung ist, und wir kommen ins Gespräch. Er klappt eine Karte auf, zeigt mir, wo noch ein Stück Gravel auf mich wartet, beruhigt mich aber: „Da kommst du durch.“ Es ist meine erste Begegnung mit der Polizei in den USA – und gleich eine, die im Kopf bleibt, weil sie so unkompliziert und freundlich ist.
Also weiter hinein in diese Landschaft, die wirkt, als hätte jemand eine Filmkulisse in Originalgröße aufgebaut: Joshua Trees, helle Sandflächen, Felsen, die in der Sonne flimmern.
Irgendwann endet der halbwegs ordentliche Belag, die Straße franst aus und wird zur Sandpiste. Ich wusste, dass der Asphalt irgendwann aufhören würde, aber hier draußen wird aus Theorie schnell Praxis. Die Street Glide ist schwer, die Reifen sind nicht dafür gemacht, im tiefen, losen Sand sauber zu laufen. Das Vorderrad beginnt immer wieder zur Seite zu rutschen, mal links, mal rechts.
Ich könnte im Schritttempo weitertasten und riskieren, irgendwann doch im Staub zu liegen – oder ich akzeptiere, dass hier der Punkt ist, an dem es keinen Sinn mehr ergibt.
Genau in dem Moment kommt mir ein Pick-up entgegen. Der Fahrer war jagen und bestätigt, was mein Bauchgefühl schon sagt: „Weiter vorne wird es nicht besser, nur sandiger.“ Er rät mir deutlich ab, tiefer in die Piste hineinzufahren. Also drehe ich um.
Früher hätte ich das vielleicht als Niederlage empfunden, heute sehe ich es anders: Auch das gehört zu so einer Tour dazu. Nicht jeder Strich auf der Karte muss um jeden Preis abgefahren werden. Egal, ob ich hier wende oder weiter geradeaus fahre – jeder Kilometer bringt mich näher nach Los Angeles. Und genau das genieße ich in diesem Moment mehr als den Beweis, überall angekommen zu sein.
Ankunft in Los Angeles und am Santa Monica Pier
Bevor ich ganz zum Ende der Route fahre, mache ich noch einen Abstecher durch die Hollywood Hills. Die Stadt liegt unter mir wie ein Meer aus Beton und Licht. Dann geht es weiter an den Ort, an dem diese Reise offiziell endet: den Santa Monica Pier.
Man kann gerade nicht oben parken, aber das ist egal. Ich stehe dort, wo unzählige Roadtrips enden, und atme einmal tief durch. Dieser Moment ist schwer zu beschreiben – Stolz, Freude, Melancholie. Die Route 66 endet hier, aber das, was sie in mir ausgelöst hat, bleibt.
Mit dem Zertifikat in der Hand bringe ich die Harley zurück. Ein paar Unterschriften – und das Motorrad steht plötzlich wieder unter vielen anderen. Für mich war es ein Reisegefährte. Jetzt ist es wieder eine Maschine im Fuhrpark. Meine Tour ist abgeschlossen. Und genau in diesem Moment beginnt im Kopf die nächste.
Fazit: Das bleibt nach zwei Wochen Mother Road
Viele haben mich gewarnt, alleine zu fahren, wäre gefährlich. Davon habe ich nichts gespürt. Die Menschen entlang der Route waren offen, hilfsbereit, interessiert. Oberflächliche Begegnungen, ja – aber positiv. Und genau diese Summe macht die Reise leicht und vertraut.
Die Route 66 existiert offiziell nicht mehr als durchgehende Straße. Stück für Stück wurde sie von Interstates ersetzt. Was heute übrig ist, ist ein Mosaik aus alten Abschnitten, Schlenkern und Nebenstraßen. Wer sie fährt, fährt nie nur eine Linie – man fährt Geschichte.
EagleRiders Self-guided-Konzept hat vieles erleichtert. Gute Hotels, abwechslungsreich, manchmal Motel, manchmal Casino. Frühstück nicht überall, aber das lässt sich lösen. Die App führt zuverlässig durch den Tag, auch ohne Internet. Gleichzeitig zwingt sie dazu, Prioritäten zu setzen, weil man unmöglich alles schaffen kann, was theoretisch markiert ist.
Der große Vorteil: Freiheit im Rahmen. Die Route steht, die Hotels stehen – aber wie man den Tag füllt, liegt komplett bei einem selbst. Genau das hat diese Reise besonders gemacht.
Und die Harley? Für diese Tour genau das richtige Motorrad. Komfort, Windschutz, Sound, Reichweite – sie hat mich durch Hitze, Regen, Kälte und endlose Meilen getragen. Und sie war der Grund für viele Gespräche am Straßenrand. Auf der Route 66 ist eine Harley kein Motorrad. Sie ist ein Schlüssel.
Motorradtour Route 66 – 14 Tage Mother Road – Infos
Allgemeine Infos
Die U.S. Route 66, bekannt als „Main Street of America“ und „Mother Road“, verbindet auf rund 3.940 Kilometer Chicago mit Los Angeles (Santa Monica) und durchquert drei Zeitzonen in acht Bundesstaaten. Sie wurde 1926 als U.S. Highway 66 ausgewiesen und war 1938 durchgehend asphaltiert. Viele klassische Abschnitte, Restaurants, Tankstellen und Sehenswürdigkeiten lassen sich auch heute noch entlang historischer Teilstrecken finden.
Sehens- und erlebenswert
Zu den bekanntesten Stopps entlang der Route zählen die Cadillac Ranch (Texas), das Midpoint Café (Texas), der Petrified Forest National Park und die Painted Desert (Arizona) sowie der Hackberry General Store (Arizona).
Einreisebedingungen ESTA
In den Medien kursieren immer wieder Berichte über strenge Kontrollen und Zurückweisungen. Nach Rücksprache mit unseren USA-Reiseveranstaltern konnten wir das nicht bestätigen: Bislang konnten deren Kunden problemlos einreisen – ebenso auf unserer Tour. Für touristische Reisen (bis 90 Tage) ist in der Regel eine gültige ESTA-Reisegenehmigung nötig (Electronic System for Travel Authorization im Visa Waiver Program). Die Gebühr beträgt 40 US-Dollar. Wird ESTA im Einzelfall abgelehnt, ist eine Einreise grundsätzlich trotzdem möglich – dann über den regulären Weg mit Visum (das war bei uns bei einem Kunden der Fall, der zuvor beruflich in mehreren Ländern im Nahen Osten unterwegs war).
- So lang ist diese Motorradtour: ca. 4.000 km
Anreise
Chicago (ORD) ist ab Deutschland gut per Linienflug erreichbar, teils direkt (z. B. ab Frankfurt/München). Flugzeit je nach Verbindung grob 9 bis 11 Stunden. Zeitverschiebung: meist –7 Stunden, zeitweise –6 Stunden (Sommerzeit-Umstellung).
Beste Reisezeit
Für Motorradfahrer gelten Frühjahr und Herbst als ideal. Besonders April/Mai sowie September/Oktober bieten angenehme Temperaturen ohne extreme Hitze, vor allem in den Wüstenregionen. Der Hochsommer kann sehr heiß werden, während es im Frühjahr und Spätherbst in höheren Lagen deutlich kühler sein kann.
Verpflegung
Entlang der Route 66 dominieren klassische US-Roadtrip-Gerichte: Burger und Steaks, Barbecue (z. B. Ribs) sowie Diner-Frühstück mit Eggs, Bacon und Pancakes. Im Südwesten sind außerdem mexikanisch geprägte Gerichte weit verbreitet.

